König der Hipster – Teil 3

Posted by on Feb 1, 2022 in Allgemein | No Comments

König der Hipster

oder

Die Behauptung der Differenz

Ein Essay von Oliver Zajac

Foto: Allen Ginsberg LLC/Getty Images

I. Vans. Atlantic. Noir

Also bezahlten wir, nahmen die Motorradhelme auf und erhoben uns aus den Stühlen auf der Veranda eines kleinen – ja was eigentlich – südwestfranzösischen Bistros oder Weinlokals oderwasauchimmer, machten uns auf den Weg runter in die südwestfranzösische Kleinstadt, vorbei an dem Tisch der drei jungen tätowierten Spanier, deren zugegebenermassen ziemlich lässigen Harleys an einer südwestfranzösischen Strasse neben einem südwestfranzösischem Oderwasauchimmer parkten, und die sich munter durch die Tapaskarte bestellten, weil man in dem Oderwasauchimmer Tapas bestellen musste, um an einem südwestfranzösischem Nachmittag auch Alkohol serviert zu bekommen, dessen öbergärige Form sich einer der Spanier gerade in seinen mit sinnlosen Tattoosprüchen drapierten rasierten Schädel goss, gingen vorbei an dem „Deus ex Machina“-Laden auf der anderen Strassenseite, in dem ich mir nur ein paar Stunden zuvor für eine Hundertstelsekunde lang überlegt hatte, ein T-Shirt mit dem gezeichneten Bild einer nackten Frau auf einem Motorrad und dem sinnlosen Spruch „Put Something Exciting Between Your Legs!“ darauf zu kaufen, sahen mal wieder den Bosshoss-Fahrer mit Kreuznacher Nummer die Strasse hoch kommen, gefolgt von den immer gleichen Fremdschäm-Harleys und einer jungen Frau in einer hautengen schwarzen Lederkombi, die wohl von irgendjemand verpflichtet worden war, zu Promotionszwecken immer und immer wieder auf einem – ja was eigentlich – zigarrenförmigen Designermoped die gleichen Strassen durch eben diese südwestfranzösische Kleinstadt zu fahren, überlegte kurz, ob ich ihr das T-Shirt mit „Put Something..!“ kaufen sollte, einen Gedanken, den ich aber gleich wieder verwarf, beobachtete die mit ziemlich viel Geld authentisch nachlässig gekleideten Pariser Mecs in der Brasserie unten am kleinen Platz und betrat schliesslich zusammen mit Claude den kleinen Schuhladen, wo wir dankbar den kühlen Hauch einer Klimaanlage an einem ziemlich heissen südwestfranzösischen Nachmittag vernahmen, und ich unverzüglich mit hitzedurchweichtem Hirn vorbei an einer mittelalten südwestfranzösischen Schuhverkäuferin mit Pagenschnitt, von der ich hoffte, sie möge noch möglichst lange auf ihrem Stuhl sitzen bleiben, ohne anzufangen, mich eilfertig zu nerven, die Sneakerregale ansteuerte, obwohl ich eigentlich gar keine Sneaker kaufen wollte, sondern nur möglichst regenfeste Schuhe, da es morgen regnen sollte, ich meine festen Stiefel aber zuhause vergessen hatte und Motorradfahren mit Chucks im Regen nicht wirklich oder nur sehr kurz Spass macht, als sich der mittelalte Pagenschnitt sichtlich gelangweilt dann doch aus ihrem Stuhl erhob und uns fragte, ob wir zwei denn auch beim Wheels & Waves seien, nur um aufgrund unseres selbsterklärenden Aufzugs sich dann selbst und stumm die Antwort zu geben und müde seufzend zu sagen:

„Vans. Adlonntique. Noir.“

Und ich weiss gar nicht mehr, wer von uns beiden vor ein paar Jahren auf die Idee kam, unserer jährlichen Juniausfahrt kreuz und quer durch Europa ausgerechnet Biarritz als Ziel zu geben. Wahrscheinlich war das sogar ich, der neugierig geworden durch diverse Berichte über das „Woodstock der Motorradfahrer und Surfer“ beschlossen hatte, dem Wheels & Waves mal einen Besuch abzustatten, und hierzu über Monate versuchte, Claude irgendwie fast 3000 Autobahnkilometer schmackhaft zu machen, die der eigentlich hasst wie die Pest. Irgendwann aber überzeugte ihn eine kluge Etappenwahl, als auch die Aussicht auf einige Pyrenäenpässe, und wir schlugen im Juni 2015 zur vierten Ausgabe des Festivals in Biarritz auf. Das Wheels & Waves war oder ist im Wesentlichen eine Ansammlung von Zelten oder Hütten, die am Rande des Bade- und Kurortes mit immer noch, wenn auch langsam verblassendem mondänem Glanz, malerisch auf einem Ausstellungsgelände, der sogenannten „Cité de l’Océan“, direkt an der Atlantikküste gelegen ist. Der Strand ist tatsächlich gleich um die Ecke und bei gutem Wetter und entsprechendem Wellengang lassen sich auch immer ein paar Surfer dort finden. Genau die richtige Location also für ein hippes Event, um nach dem Willen der Veranstalter, einer Gruppe von ziemlich hippen Freunden aus Toulouse, die sich selbst Southsiders MC nennen – wobei das MC diesmal nicht nur Motorcycle Club abkürzen, sondern vielmehr auch „Musique“, „Mode“ und „Culture“ mitinbegreifen soll – den Geist der Freiheit zu feiern, den ja irgendwie beide Disziplinen, das Motorradfahren als auch das Surfen, atmen, und diesen Spirit mit möglichst vielen Gleichgesinnten zu teilen. So man jedenfalls dem offiziellen Marketing-BlaBla glauben will, denn eigentlich ging und geht es bei dem Wheels & Waves natürlich niemals um irgendeinen Spirit und schon gar nicht darum, diesen zu teilen. Es ging vielmehr darum, einem Haufen südfranzösischer Hipster und deren internationaler Entourage eine nette mehrtägige Party zu finanzieren, wenn sie sich dazu hergaben, den Produkten der partyfinanzierenden Industrie, und hier vor allem der BMW R nineT, die Weihen der Hipster zu verpassen. Als BMW ihr Retromodell seinerzeit an den Start rollte, um wie andere Hersteller auch an der Vintage-New-Custom-Retro-Welle zu profitieren, die von einigen motorradfahrenden Hipstern und deren Fan-Gemeinde in den Medien befeuert wurde, tat man dies in München oder Spandau zuerst eher zögerlich, vielleicht auch, weil man mit derartigen „Heritage-Motorrädern“ und deren möglicher Kundschaft über keinerlei Erfahrung verfügte. Also beauftragte man einen hipster-tauglichen Designer damit, mit überschaubarem Kosteneinsatz ein Retro-Motorrad auf die Räder zu stellen. Das Ergebnis war die erste BMW R NineT, ein grösstenteils mit Teilen aus dem bereits vorhandenen BMW-Baukasten zusammengestöpseltes Moped mit ein bisschen notdürftiger Retro-Kosmetik, das man der möglichen Kundschaft als mindestens so cool oder hip verkaufen wollte, wie es die Mopeten der motorradfahrenden Hipster zugegebenermassen waren. Das Problem war nur, kein Hipster, der nur ein bisschen Selbstachtung besitzt, würde so ein Dings auch nur mit der Kneifzange anfassen. Ein Problem aber, das sich mit der entsprechenden Menge an Moneten aus der Welt schaffen liess. Also wurden ein paar nette Werbefilmchen mit bekannten Motorrad-Parade-Hipstern abgedreht, BMW trat als Hauptsponsor bei einigen Hipster-Events auf, in den neu aufgelegten Motorrad-Hipster-Magazinen wurden grosszügig Anzeigen gebucht, der Southsiders MC mit Konsorten hatte beim Wheels & Waves eine schöne Zeit und die Sache war geritzt: Die R NineT wurde für BMW ein grosser Erfolg, so gross, dass man mittlerweile in München oder Spandau gottseidank dazu übergegangen ist, das Styling der R NineT mit mehr Kosteneinsatz weiterzuentwickeln, sodass die Fuhre, wenn auch immer noch für keinen echten Hipster akzeptabel, inzwischen und immerhin schnittiger unterwegs ist. Die Rolle der Hipster bei der erfolgreichen Markteinführung der BMW R NineT ist lediglich ein Beispiel dafür, welchen mittlerweile grossen Einfluss oder auch grosse Macht eine Personengruppe besitzen kann, die es offiziell gar nicht gibt. Denn fragt man Menschen, die ganz offensichtlich alle Attribute eines Hipsters mitbringen, ob sie denn auch Hipster seien, so erhält man für gewöhnlich eine erstaunte Verneinung: „ICH und ein Hipster? NEIN! Igitt! Natürlich nicht!“ Auch gibt es keinerlei Institutionen, Vereinigungen oder Parteien, welche die Interessen dieser nur sehr schwer fassbaren Personengruppe vertreten. Dennoch verfügt das soziale Phänomen „Hipster“ gerade in der heutigen Zeit der global gespannten sozialen Netzwerke und der rasanten Kommunikation via Internet über eine soziale Macht, die denjenigen, die sich darauf verstehen, sich der Hipster zu bedienen, nicht nur den Absatz ihrer Produkte oder Weltanschauungen erleichtert, sondern auch die Durchsetzung ihrer politischen Ziele ermöglicht, was mitunter selbst den Weg in verschiedene Bundesministerien ebnen kann. Allerdings ist das Spiel mit des Hipsters Macht aufgrund seines flatterhaften Wesens immer auch mit gewissen Risiken behaftet, da diese Zeit-Geister sich auch plötzlich und unerwartet gegen ihre Zauberlehrlinge kehren können. Das richtige Timing ist deshalb im Umgang mit dem Hipster ganz entscheidend, denn was in seinem Kosmos gestern der „heisseste Scheiss“ war, kann heute bereits langweilig sein und wird vielleicht morgen schon beim Discounter verramscht. Timing ist alles. Und wenn es nur bedeutet, dass ein südwestfranzösischer Schuhladen ganz dringend im Vorfeld eines Hipster-Events in der Nachbarschaft genug Sneaker einer bestimmten Marke, eines bestimmten Modells in einer bestimmten Farbe auf Vorrat hätte ordern sollen, die dann ganz und gar nicht zufällig, sondern gegen Bezahlung, versteht sich, von den Event-Hipstern und deren Staff zur Schau getragen worden sind.

Vor ein paar Jahren habe ich mal in einer Motorradpostille ein Interview gelesen, indem der Schreiberling einen hippen Motorradklamottenverkäufer fragte, ob er denn nicht den Eindruck habe, dass die alten Motorräder derzeit „hipsterisiert“ würden. Und natürlich war die Frage allein schon Schwachsinn, denn ein Motorrad kann nicht hipsterisiert werden, ein altes Motorrad ist ein altes Motorrad und bleibt ein altes Motorrad und mehr nicht. Es kann höchstens accessoirisert, zu einem Accessoire gemacht werden von Leuten, die wiederum von anderen Leuten als Hipster tituliert werden, eben weil sie sich mit einer ganzen Menge an Accessoires umgeben, die unter anderem den Zweck haben, einen Unterschied zu machen zu eben den Accessoires oder Gegenständen mit denen sich Leute umgeben, die von den Leuten, die von diesen Leuten als Hipster tituliert werden, als langweiliger Mainstream empfunden werden. Aber das ist eigentlich auch schon wieder Schwachsinn, denn spätestens in den 1960er Jahren, ausgehend von den USA, wurde das Motorrad zwangsläufig auch zu einem Accessoire, da es seiner eigentlichen Hauptfunktion, der Mobilisierung  der Massen enthoben wurde, weil sich in den westlichen Gesellschaften mit steigendem Wohlstand immer breitere Bevölkerungsschichten ein Auto leisten konnten. Das Motorrad wurde so etwas Zusätzliches – und wenn auch für viele die schönste Sache der Welt – zu etwas Nebensächlichem, welches sich hauptsächlich in der Freizeit abspielte. Man fuhr Motorrad nicht, weil man sich als Fortbewegungsmittel „nur“ ein Motorrad und kein Auto leisten konnte, sondern man fuhr Motorrad aus Spass, Vergnügen, aber auch um sich auszudrücken, eine bestimmte rebellische Lebenseinstellung zu zeigen, die sich von den Werten der herrschenden Mainstreamgesellschaft abgrenzte. Anfang der 1970er definiert Eric Turner (Nicht zu verwechseln mit einem gewissen Edward Turner), Präsident der BSA Inc., das war mal der Welt grösster Motorradhersteller, die neue Rolle des Motorrads hellsichtig wie folgt:

„In den wohlhabenderen Ländern ist das Motorrad heute in erster Linie ein spassiges, sportliches und groovy Freizeitprodukt, aber auch ein Symbol der Virilität und Männlichkeit. Seit sich die Vereinigten Staaten zusammen mit Canada des höchsten Lebensstandards erfreuen, ist Nordamerika bei weitem unser grösster Absatzmarkt. Aber das verfügbare Einkommen in anderen Teilen der Welt steigt ebenfalls rapide an. Unsere Marktforschung geht deshalb davon aus, dass unser Wachstum in diesen Ländern noch schneller sein könnte als unser Wachstum in Nordamerika.“

Ein prognostiziertes Wachstum, das dann auch tatsächlich eintreten sollte, an dem sich aber allerdings in der Hauptsache die japanische Motorradindustrie erfreuen durfte, da sich die englische Motorradindustrie, und mit am schnellsten Turners eigener Laden, auch durch haarsträubende Managementfehler entschieden und nachhaltig in den Abgrund wirtschaftete. Als sich das Motorrad vom notwendigen Fortbewegungsmittel zum angesagten Lifestyle-Produkt entwickelte, setzte auch die Evolution des Motorrades eigentlich erst richtig ein, denn davon befreit ein blosses Vehikel für die Fahrt von A nach B zu sein, wurde es immer mehr Spiegel einer sich verändernden und diversifizierenden Gesellschaft, die auch das Motorrad benutzte, um verschiedene Bedürfnisse, Lebensauffassungen und Lifestyles auszudrücken. Und eben deshalb schnappte mit der Entwicklung des Motorrades zu Choppern, Scramblern, Komfortourern, Sporttourern, Superbikes, Naked Bikes, Factory Costumizing, Enduros, Supermotos usw. auch die übliche Kommunikationsfalle einer diversifizierten Konsumgesellschaft zu, der niemand entkommt, da sie einen jeden Fahrer zwang, sich damit auseinanderzusetzen, was er mit der Wahl seines Motorrades als Freizeitaccessoire ausdrücken wollte, denn man „musste“ ja nicht mehr Motorrad fahren, man wollte vielmehr Motorradfahren und jedem Wollen liegt nunmal eine Intention, eine Motivation und damit ein von Dritten nicht nur an der Gestalt des Motorrades ablesbarer Ausdruck zugrunde. Der Ausdruck durch das Accessoire „Motorrad“ war somit eigentlich von Anfang, seit seiner Entfesselung gegeben, auch wenn es nur dazu dienen sollte, sich von einem als langweilig empfundenen Mainstream abzusetzen, so wie es den Hipstern heute unterstellt wird, zu tun. Es ist vor diesem Hintergrund einerlei, ob Hipster Motorräder accessoirisieren, denn im Grunde accessoirisiert jeder Motorradfahrer sein Motorrad, auch jene, die sich gelegentlich zu den Lordsiegelbewahrern der reinen Motorradkultur aufschwingen, was auch immer das sein soll, und die verächtlich auf jene herabschauen, die nicht die Motorräder fahren oder nicht so fahren, wie es ihrem beschränkten Selbstbild entspricht. Es ist deshalb eigentlich oder grösstenteils Konsens in der Motorradfahrerschaft, dass man dem Motorrad eines anderen Fahrers mit Respekt begegnet. Das mag der eine oder andere bedauerlich finden, auch aus durchaus verständlichen Gründen, da zum Beispiel die Yamaha Virago in Deutschland immer noch eine der meistgefahrenen Motorradtypen ist, was sicherlich auch daran liegt, dass aus obergenannten Gründen es noch niemand fertig gebracht hat, ihren Besitzern zu sagen, wie scheisse die Dinger eigentlich sind. Aber so ist es nunmal. Darüber hinaus, weil abgeleitet aus Konsens 1, sollte es eigentlich auch Konsens innerhalb der Motorradfahrerschaft sein, dass niemand einen anderen Motorradfahrer oder dessen Leidenschaft benutzt, um sein eigenes Ding durchzuziehen. Und eben deshalb darf und kann es auch nicht sein, dass sich jemand, der Konsens 2 verletzt, hinter Konsens 1 versteckt. Und um das jetzt zu erklären, ist es doch notwendig noch einmal einen etwas genaueren Blick auf das angesprochene Hipstergedöns zu werfen.

Das soziale Konstrukt, welches sich hinter der Bezeichnung „Hipster“ verbirgt, ist nicht singulär denkbar. Das ist ja nur logisch, denn sonst wäre es ja auch kein soziales Konstrukt, also ein Etwas, das sich erst innerhalb von sozialen Beziehungen definiert. Und der Hipster definiert sich nunmal innerhalb der Beziehungen seiner Personengruppe, der Hipsterpersonengruppe, zu zwei anderen Personengruppen, die es so eigentlich gar nicht gibt, wiewohl die Grenzen zwischen allen drei Personengruppen nicht trennscharf, sondern fliessend sind, die aber hier auch zum besseren Verständnis sozusagen idealtypisch, um nicht zu sagen holzschnittartig behandelt werden sollen. Der idealtypische Vertreter der ersten der zwei anderen Personengruppen ist der sogenannte „Enthusiast“, das ist ein Mensch, der nicht selten mit grosser Leidenschaft irgendetwas macht, herstellt oder ergründet, was eigentlich über Jahre und Jahrzehnte hinweg niemanden nicht nur nicht interessiert hat, sondern auch noch weit unterhalb der Wahrnehmungsgrenze der allermeisten seiner Zeitgenossen lag. Wenn der „Enthusiast“ in dieser seiner Zeit des entgegengebrachten allgemeinen Desinteresses, was ihn übrigens in der Regel herzlich wenig juckt, überhaupt wahrgenommen wird, dann nur als einer, der vielleicht irgendwie liebenswert oder schrullig ist, aber doch aufgrund seiner absonderlichen Obsession einen Dachschaden haben oder sonstwie plemplem sein muss. Dennoch braucht der Hipster den Enthusiasten, den man in seinen anderen Ausformungen auch „Nerd“ oder „Connaisseur“ nennen kann, dringend, und das aus den immer gleichen Gründen, er braucht ihn zum einen aufgrund seiner Ideen oder Kreativität, über die der durchschnittliche Hipster in der Regel eher nicht oder nicht im ausreichenden Masse verfügt, was eigentlich auch gar nicht schlimm ist, denn der gemeine Hipster hat ganz andere Aufgaben und Qualitäten, zu denen wir später noch kommen werden, und er braucht ihn zum anderen aufgrund der von ihm verkörperten Authentizität, denn dem Hipster ist ausserordentlich wichtig, dass etwas „authentisch“ oder irgendwie „echt“ ist, deshalb auch das ganze Vintage-Gedöns. Und um jetzt mal ein bisschen Fleisch an den dürren Knochen zu bringen, ist es an der Zeit einen idealtypischen Vertreter des Idealtypus „Enthusiast“ näher vorzustellen.

Ein idealtypischer Vertreter des Idealtypus „Enthusiast“ ist der kalifornische Tätowierer Don Ed Hardy, der zu einer Zeit als Tätowieren lediglich für Randgruppen am unteren Ende der gesellschaftlichen Skala wie Knackis, Matrosen oder Rocker interessant war, nicht nur davon träumte, sondern auch über Jahrzehnte beharrlich daran arbeitete, das Handwerk des Tätowierens als Kunstform zu etablieren, wozu er auch ausgedehnte Studien in Japan unternahm.

Foto: Manfred Kohrs via Wikimedia Commons
Don Ed Hardy bei der Arbeit. Und zwar im Jahre 1980, als man, was so die Hygiene beim Tätowieren angeht, noch etwas entspannter war...

Aufgrund seiner Beharrlichkeit und natürlich auch, weil er in Californien wohnte, denn Wohnorte wie Castrop-Rauxel oder Wladiwostok sind für derartige Karrieren nicht unbedingt förderlich, was jetzt weniger an Castrop-Rauxel oder Wladiwostok liegt, sondern mehr an der Vernageltet einiger Zeitgenossen, erfreute er sich langsam auch ausserhalb der Tattoo-Szene einiger Bekanntheit, die für eine andere Type interessant wurde, der beileibe kein Enthusiast war und auch kein durchschnittlicher Hipster, sondern eher so eine Art Oberhipster oder vielleicht ein Hipster-Hipster oder vielleicht auch nur das, wie ihn Don Ed Hardy höchstpersönlich charakterisierte, nämlich der „Nullpunkt von allem, was derzeit mit der Zivilisation schiefläuft“, was den guten Don aber nicht daran hinderte, mit eben diesem Christian Audigier eine Geschäftsverbindung einzugehen, die ihn zu einem sehr vermögenden Mann machen sollte. Denn Christian Audigier, gebürtiger Franzose, wenn auch nicht Südwest-Franzose, sondern eher so ne Art Südsüd-Franzose, wohnte inzwischen auch in Californien und nicht mehr in Avignion, weil nämlich Wohnorte wie Avignion für derartige Karrieren – genau – verdingte sich bei verschiedenen Mode-Labels, wurde bei einem Chef-Designer, hielt seine Nase in den Wind und befand vollkommen richtig, dass es mal wieder an der Zeit wäre, die modischen Symbole und Stilelemente der Unterschichtsemblematik, also der weissen Unterschicht der USA, auch „White Trash“ genannt, hervorzukramen, die von Zeit zu Zeit immer mal wieder hervorgekramt werden, wenn in der Modewelt eine Glam-Periode zu Ende geht, wie dieses Justin-Bieber-Dings, da sich trendige Männer zunehmend, naja – androgyn – kleideten und sich mit Gel, Schaum und/oder heisser Luft die halblangen Haare ins Gesicht schmierten, bis man den Scheiss nicht mehr sehen konnte, und deshalb mal wieder – joah – der kernige Typ gefragt war. Und Audigier setzte noch einen drauf, er begnügte sich nicht mit den üblichen Signalen und Symbolen, also den schweren Stiefeln, den karierten Hemden, den verratzten Sneaker, den Feinripp-Unterhemden, den prolligen Jeans, den nachlässigen T-Shirts, den Trucker-Caps, denn spätestens als er ein T-Shirt mit dem Druck einer Zeichnung Don Ed Hardys gesehen hatte, muss er wohl begriffen haben, dass nicht ohne Zutun Hardys die Tattoo-Kunst im Begriff war, sich immer mehr in der Alltagskultur zu etablieren. Es also nur noch eine Frage der Zeit sein würde, bis nach den ersten schüchternen Versuchen mit dem sogenannten Tribalmotiven, also dem Arschgeweih und ähnlichen Schnörkeln Ende der 1980er, die bei Bedarf noch durch Kleidung verdeckt werden konnten, Tätowierungen sich auch auf breiter Front und Haut durchsetzen würden. Und dass er das wusste, hat mit dem Exklusivdings zu tun, mit dem Audigier durch seine Zeit bei unterschiedlichen Modelabels gut vertraut war, diesem verheerenden Etwas, diesem Mahlstrom, der wenn er erstmal in eine von vielen möglichen Welten tritt und dann auch noch zündet, diese Welt zuverlässig und für immer verschlucken wird. Anfang der Nuller Jahre jedoch bestand bezüglich grossflächiger Tattoos auf der einen Seite, dem Vorbild angesagter Rock- und Rapstars folgend, ein Interesse gewisser trendaffiner Menschen, das aber andererseits bei vielen noch von einer grundlegenden Scheu überlagert wurde, sich diese Bildchen auch für alle Ewigkeit grossflächig in die Haut ritzen zu lassen. Und eben in diesen Zwiespalt stiess Audigier, indem er durch die Erfindung des „Tattoo-prêt-á-porter“ das Subkultursymbol Tattoo firlefanzisierte, es seiner ewigen Schwere beraubte und es so in den Symbolraum der „White Trash“-Mode, in dem ja sonst immer nur der gleiche Kram in unterschiedlichen Varianten tanzt, schmerzfrei integrieren konnte. Die Ideen und vor allem die wichtige Authentizität lieferte ihm der Enthusiast Hardy, er kümmerte sich ums Marketing, und auch hier kamen ihm seine Erfahrungen in der Modebranche zugute, denn Audigier wusste, dass beim Menschen leider fast nichts so zuverlässig gut funktioniert wie der Herdentrieb, wollte er also die Herde kriegen, musste er an deren Leittiere ran und genau hier – wodennsonst? – kommt jetzt – naklar! – der Hipster ins Spiel.

Foto: Imago/Tinkeres
Christian Audigier. 2008 auf einer Party nach irgendeiner Mode-Messe. Auch ziemlich entspannt…

Denn wenn man das soziale Konstrukt „Hipster“ einmal von seinem ganzen Klimbim entkleidet, dann ist der Hipster im Kern eigentlich nichts anderes als ein sozialer Trüffelhund, und Audigier wollte natürlich die vielen Trüffel, die paar Hipster waren ihm nur Mittel zum Zweck oder das Vehikel, das ihn zu den Trüffeln führen sollte. Die Trüffel sind neben den Hipstern und den Enthusiasten deshalb die dritte und wichtigste Personengruppe, in deren gegenseitigem Beziehungsgeflecht sich das soziale Konstrukt „Hipster“ definiert. Trüffel ist in diesem Zusammenhang natürlich nicht – nein! – despektierlich gemeint, denn die Trüffel sind wir alle, der Typ, der diese Zeilen hier schrieb und ein jeder, der diese Zeilen liest, alle sind wir irgendwann und irgendwo Trüffel, weil wir uns einreden oder durch irgendwas oder irgendwen beeindrucken lassen, wir bräuchten irgendetwas, wir müssten irgendetwas kaufen, was wir eigentlich gar nicht brauchen, und was natürlich trotzdem vollkommen und komplett in Ordnung ist, weil das eben das Spiel ist, das wir (fast) alle spielen, dem (fast) keiner entkommt und über das wir (fast) alle eigentlich auch Bescheid wissen. Kann man die Beziehungen zwischen dem Enthusiasten und dem Hipster noch relativ einfach beschreiben, sind die Beziehungen zwischen den Hipstern und den Trüffeln schon sehr komplexer, um nicht zu schreiben: Tragischer Natur. Und dass das so ist, liegt nunmal in der Hauptsache und in allererster Linie an dem weltenverschluckenden, allvernichtenden, unaussprechlichen Exklusivdings.

II. Das weltenverschluckende, allvernichtende, unaussprechliche Exklusivdings (Waueds)

Als das ganze Motorradgedöns, so wie wir es heute kennen, Ende der 1960er Jahre und zwar hauptsächlich von Californien ausgehend, denn Mandello, Spandau, Meriden und selbst Milwaukee sind nunmal nicht die geeigneten Orte, um derlei Karrieren zu starten, seinen Anfang nahm, gab es ein bestimmtes technisches Detail an den Motorrädern dieser Jahre, das in den Folgejahren auffallend schnell und fast vollständig von dieser Welt verschwinden sollte, und das war der Kickstarter. Und das ist nicht nur auf den ersten Blick verwunderlich, war und ist doch der Kicker ein ziemlich magisches Teil, denn schon der Prozess des Ankickens als solches, der nur wenige Sekunden in Anspruch nahm, verriet bereits in dieser kurzen Zeitspanne, ob der Fahrer sein Material, das Motorrad, im Griff hatte oder nicht, ob er wusste, wie sein Motor „tickt“, ob es ausreichte vor dem Kicken lediglich den Choke zu betätigen oder ob es aufgrund geringer Aussentemperatur notwendig sein würde, den Motor zuvor ein-, zweimal ohne Zündung zu kicken, damit die Kolben schon mal ein wenig Gemisch ansaugen konnten, ob er wusste, wie er den Totpunkt der Kolben findet, die vor dem Kicken vielleicht ein klein wenig über den Totpunkt hinaus gedreht werden mussten, dass er verstand, den ganzen Weg des Kickpedals zu treten, denn je länger der Weg, je mehr Funken an den Kerzen, und desto grösser, die Chance, dass – Bäng! – das Gemisch zündete, und dass er verstanden hatte, den ganzen Weg des Pedals kraftvoll und zügig, aber nicht brachial oder gewalttätig zu treten, sondern wie in einem Fluss, wobei nach dem Prozess des Ankickens der Fuss am Ende des Weges kurz auf dem Kicker verweilen musste, um die Gefahr des Rückschlags zu minimieren, was letztendlich auch darüber Auskunft gab, ob die Zündung sauber eingestellt war. Der Kickstarter verlangte einen kurzen Moment der Andacht, der das Ritual des Startens eines Motorrads durchdeklinierte, das Betätigen der Zündung, die Prüfung des Leerlaufs, das Ziehen des Chokes, das Ausklappen des kleinen Fusshebels, das Suchen des Totpunkts, die Konfiguration des eigenen Körpers – Standbein, Trittbein, Hände am Lenker, Vorbereitung der Körper- und Motorradbalance auf die folgende Trittbewegung – Einatmen und dann los!, bevor im Erfolgsfall die biokinetische Energie des menschlichen Organismus‘ in die mechanische Energie eines Verbrennungsmotors überging. Der Kickstarter markierte so nicht nur die energetische Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine, sondern war, da er mit Bedacht getreten werden musste, auch eine Klippe des Verständnisses, ein Moment der Prüfung über die intimen Details des zu startenden Motors. Und vielleicht war er auch gerade deshalb vielen ein Ärgernis und lag in diesem Ärgernis oder Unvermögen der Grund seines Verschwindens, als man nicht mehr Motorrad fahren musste, sondern Motorradfahren wollte, und die Hersteller ihre jetzt zum Lifestyle-Produkt gewordenen Erzeugnisse flugs mit einem Anlasser ausstatteten, um die Wollenden mit einem Komfort zu locken, den sie den Müssenden grösstenteils immer verweigert hatten. Am längsten hielten die englischen Hersteller am Kickstarter fest, „Kickstart only“ war in den späten 1960er und frühen 70er Jahren beinahe ein Alleinstellungsmerkmal der letzten verblieben Vertreter der ehemals glorreichen britischen Motorradindustrie, was insbesondere auch auf das Unverständnis der Motorradpresse stiess. Ernst Leverkus, prägender deutscher Motorradjournalist der 1950er, 60er und 70er Jahre, beschreibt diesbezüglich das Gespräch mit dem Cheftechniker eines englischen Herstellers, wahrscheinlich Triumph, das Mitte der 1960er Jahre stattgefunden haben soll:

„Wir sagten, ob es nicht langsam Zeit wäre, diesen grossen Maschinen Elektrostarter zu geben, um das Anlassen des starken Motors zu erleichtern. Schon im Hinblick auf den Komfortanspruch der amerikanischen Kunden und der japanischen Konkurrenz. „Nein, Sir“, war die Antwort. „Wir bauen Motorräder für Männer, die brauchen keinen teuren Elektrostarter“ (…) „Sir“, war die Antwort, und unser Gesprächspartner runzelte die Stirn, „wenn es keine harten Männer mehr für die Kickstarter gibt, dann gibt es auch unsere Maschinen nicht mehr.““

Nun sei dahingestellt, ob es tatsächlich die Sorge um die „harten Männer“ war, die die Engländer veranlasste, an ihrem Prinzip des „Kickstart only“ festzuhalten, bis es irgendwann zu spät war oder ob sie schon damals, wie es in der Anekdote Leverkus’ anklingt, einfach die damit verbundenen Kosten scheuten, die britische Motorradindustrie ging unter und mit ihr verschwanden nicht nur die Kickstarter an hubraumstarken Mehrzylindermaschinen, sondern auch ein ganz essentielles Stück Motorradkultur, das einen körperlichen Einsatz erforderte, welcher überflüssig wurde und in seinem Überfluss zudem ein Wissen vergass, das sich seitdem in einem kleinen popeligen Startknopf entfremdet.

Und so, wie man ein Motorrad ankickt, das ja letztendlich nichts anderes ist als ein Accessoire, so muss man auch erstmal eine ganze Maschinerie oder einen Marketing-Motor ankicken, um eben diese Accessoires auch zu verkaufen. Audigier hatte, nachdem Don Ed Hardy für 300.000 Dollar und einem prozentualen Anteil am Weltmarktumsatz einen Lizenzvertrag unterschrieben hatte, einen prima Motor am Start, eine Idee hart am Zeitgeist, die wie ein Motorkolben gut geölt im Zylinder sass und nur darauf wartete, mit immer schnellerem Tempo die Zylinderbahn hoch und runter zu flitzen, und damit einen Sog zu entfachen, der immer mehr Gemisch oder Trüffel und damit Geld in die Brennkammer saugen sollte. Das Problem war nur: Wie kommt so ein Motor in Gang? Audigier hatte einen Enthusiasten eingekauft, hatte T-Shirts mit Retro-Tattoo-Motiven bedruckt, hatte einen Laden angemietet und Mitarbeiter eingestellt – über ausreichend Mittel, um eine umfassende Marketingkampagne mit sämtlichem Pi-Pa-Po zu finanzieren, was eine ziemlich teure Angelegenheit sein kann, verfügte er jedoch nicht. Audigier vertraute darauf, dass dasselbe geschehen wird, was ihm schon in seiner Zeit als Chef-Designer von „Von Dutch“ zum Erfolg verholfen hatte, nämlich dass irgendjemand mit ausreichend „richtiger“ Strahlkraft seine Klamotten kaufen und trage möge, was dann dafür sorgen würde, dass sein Marketing erstens fast für umsonst und zweitens viral geht, weil nämlich von Menschen mit ausreichend „richtiger“ Stahlkraft seltsamerweise eine zutiefst toxische Ansteckungskraft ausgeht, gegen die die letzte Ebola-Epidemie ein trauriger Kindergeburtstag war. Und im Prinzip ist diese Idee ja nicht neu, da wahrscheinlich schon zu allen Zeiten prominente Menschen dafür eingekauft wurden, für irgendeinen Kram zu werben, neu war an dieser Idee, Menschen mit ausreichend „richtiger“ Stahlkraft nicht nur nicht dafür zu bezahlen, damit sie für Klamotten werben, die sie privat nie tragen würden, sondern ihr Bedürfnis, sich vom Mainstream abzusetzen und irgendwie „hip“ zu sein, zu benutzen, indem dieses Bedürfnis durch ein Produkt befriedigt würde und die öffentliche Bedürfnisbefriedigung in den Medien dann die erwünschte Werbewirkung für eben dieses Produkt entfalten sollte. Audigier hatte den Köder seit 2004 im Wasser, im Verlauf des Jahres 2005 bemerkte er gestiegenes Interesse, da er beobachteten konnte, wie der Schwimmer immer mal wieder und immer öfter unter die Wasseroberfläche gezupft wurde, bis er im Frühjahr 2006 von einer Sekunde auf die andere von der Oberfläche verschwand und sich so ein besonders dicker Fisch ankündigte, dessen graziler Fuss den Hebel des Kickstarters seiner Marketingmaschine ausklappte, den Leerlauf prüfte, den richtigen Kolbenstand fand, um den Motor gekonnt und routiniert mit nur einem Tritt zum Leben zu erwecken. Audigier beschreibt diesen Moment des grossen Fisches in seinen Memoiren folgendermassen:

„An dem Tag, an dem ich in einem Klatschmagazin ein Foto von Madonna entdeckte, auf dem sie ein Tiger-T-Shirt und eine Mütze mit dem Teufel und dem Dreizack trug, war mir klar, dass wir mit dem Wind segelten.“

Audigier war ganz aus dem Häuschen und räumte sogleich eine Wand in seinem Laden frei, da er offensichtlich Grund hatte, anzunehmen, dass diesem ersten Madonnenbild noch weitere folgen würden, die er alle gewillt war, an eben jene Wand zu pinnen. Und der Memoiren-erinnernde Audigier lässt seinen Ghostwriter den Audigier in den Memoiren vor Glück ganz berauscht an dieser Stelle seiner Erinnerungen ebenso rhetorisch wie scheinheilig fragen:

„Danke. Tausend Dank. Aber wieso trägst Du meine Klamotten?“

Eine nicht ganz unerhebliche Frage, die Madonna ein paar Seiten weiter in den Memoiren auch beantworten darf, wo der Ghostwriter sie auf Geheiss von Audigier sagen lässt, dass sie jeden Tag dutzende Pakete mit Kleidern der ganz grossen Marken erhalte, aber sie bewundere natürlich, ja, liebe nunmal seine Klamotten. Was er in diesem Zusammenhang ein wenig – nun ja – unter den Tisch fallen lässt, ist der nicht ganz unerhebliche Umstand, dass er Madonna zwar nicht bezahlt hat, damit sie seine Klamotten trägt, aber sehr wohl die Paparazzi der Klatschmagazine, die in seinem Auftrag nach angesagten Prominenten fahndeten, die seine Klamotten trugen, um sie am besten bereits beim Verlassen des Ladens in diesen Klamotten zu fotografieren und auch dafür Sorge zu tragen, dass diese Fotos in irgendwelchen Klatschmagazinen oder Fashion-Blogs publiziert würden. Und weil er diese Marketing-Nummer des „Celebrity-Wear“, die nunmal am besten im – genau – celebrityverseuchten Californien funktioniert, nicht zum ersten Mal, sondern auch schon ein paar Jahre zuvor für Von Dutch mit Britney Spears exakt baugleich durchzogen hatte, dürfte diese Masche Madonna, die ja beileibe keine Anfängerin im Celebrity-Business ist, wohlbekannt gewesen sein, weshalb es auch nicht so wahnsinnig weit hergeholt ist, dass sie sich nicht ganz unfreiwillig vor seinen Karren hat spannen lassen – und zwar sicherlich nicht, um noch mehr mediale Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, davon dürfte sie mehr als genug gehabt haben – aber vielleicht dennoch nicht aus uneitlen Motiven, denn die Eitelkeit wurzelt bei solchen Mega-Stars, die sich zudem als Überhipster begreifen, nunmal so absonderlich tief wie sich unsereins – vielleicht mal abgesehen von  Christian Audigier – das überhaupt nicht vorstellen kann, sodass die Gründe für ihre plötzliche und sehr intensive Ed-Hardy-Leidenschaft vielleicht genau und gerade in ihrem Verhältnis zu Britney Spears zu suchen sind, die anfangs der Nuller Jahre, da sie Audigiers dämliche Von Dutch-Truckerkappen quasi im Vorbeigehen unfreiwillig zum Kult promotete, als der kommende weibliche Superstar am Popfirmament galt, von dem nicht Wenige im Celebrity-Business erwarteten, dass sie, jung, schön, blond, unverbraucht und trällernd wie sie war, die alternde Königin des Pops endlich vom Thron schubsen würde, weshalb Madonna, die bei der Von Dutch-Trucker-Kappen-Geschichte zu spät in die Puschen kam und deshalb erst nach Spears über die Ziellinie ging, diesmal fest entschlossen war – ja, so banal kann Weltgeschichte manchmal sein – sich die Butter nicht vom Celebrity-Bread nehmen zu lassen und sich und der Welt zu beweisen, dass sie, Madonna, die Stilikone der 1980er Jahre, es in Sachen Stil und Hippness immer noch mit jedem und jeder auf diesem Planeten aufnehmen konnte und vor allem, und das war das Wichtigste, auch immer noch die Strahlkraft besass, um selbst so einen Käse wie Ed Hardy sozusagen im Alleingang zu DER angesagtesten Marke überhaupt zu machen. 

Also legte sie sich mächtig ins Zeug und die Paparazziknipsen brannten in den Folgemonaten ein Madonnenbildchen nach dem anderen auf die Sensorchips: Madonna im Ed Hardy-Top, Madonna im Ed Hardy-T-Shirt, Madonna im Ed Hardy-Jogginganzug, Madonna mit Ed Hardy-Mütze, Madonna im Ed Hardy-Sweatshirt. Audigier hatte die erste Wand bald voll und räumte die zweite frei: Madonna mit Ed Hardy-Totenkopf, Madonna mit Ed Hardy-Tiger, Madonna mit Ed Hardy-Totenkopf mit Rosen, Madonna mit Ed Hardy-Piratenkopf ohne Rosen, Madonna mit Ed Hardy-Totenkopf mit Herz. Audigier stellte verblüfft fest, dass der Star offensichtlich im Besitz seiner gesamten Kollektion war und räumte, nachdem die zweite Wand auch schon voll gepinnt war, die dritte frei: Madonna in Ed Hardy-Klamotten in London, in Los Angeles, beim Einsteigen ins Auto, beim Aussteigen aus dem Auto, in Paris, beim Shoppen, mit ihrer leiblichen Tochter in Ed Hardy-Klamotten, mit ihren Adoptivkindern in Ed Hardy-Klamotten, in Malawi, mit ihrem damaligen Ehemann mit Ed Hardy-Kappe. Don Ed Hardy bemerkt in seinen – genau – Memoiren, dass Audigier zwischenzeitlich über 70 Madonnenbildchen an seine drei Wände gepinnt hatte. Ja, und das nennt man wohl nicht ohne Grund das volle Programm, welches seine Wirkung auch nicht verfehlen sollte, da es tatsächlich für einige ihrer Zeitgenossen von toxischer Wichtigkeit war, was Madonna so den ganzen Tag über macht und was für Klamotten sie dabei trägt. Ed Hardy wurde ziemlich heisser Hipsterkram, immer mehr Stars oder Menschen, die sich dafür halten wie beispielsweise Heidi Klum, zogen nach, die Begehrlichkeiten nach Ed Hardy-Klamotten wuchsen mit jedem weiteren Paparazzifoto und wurden noch immens dadurch gesteigert, dass diese Klamotten anfangs nur sehr begrenzt verfügbar waren, da die Zahl der Verkaufsstellen mit der steigenden Begierde nach der Ware noch nicht mithalten konnten – JAMANMUSSSICHDASMALVORSTELLEN! – da gingen die Paparazzibildchen quasi in Echtzeit dank Internet um die Welt und dann gab es den Kram gerade mal in Californien zu kaufen und der Rest der Welt ging leer aus!! KANNDOCHNICHTWAHRSEIN!!! Und genau in diesem Moment, da Audigiers Marketing-Motor schön rund lief, die Ed Hardy-Kolben gut geölt die Zylinderbahnen hoch und runter flitzten und so immer mehr Stars ansaugten, welche dafür sorgten, dass die Kolben noch schneller die Zylinderbahnen hoch und runter flitzten und dadurch immer mehr Sternchen ansaugten, welche dafür sorgten, dass die Kolben noch schneller die Zylinderbahnen hoch und runter flitzten, um auch noch die „gewöhnlichen“ Hipster anzusaugen, die zunächst gar nicht alle bedient werden konnten, kam wohl das weltenverschluckende, allvernichtende, unaussprechliche Exklusivdings oder wie Kenner und Experten – und wenn, dann immer nur mit gedämpfter Stimme – es nennen: das „Wauds“ das erste Mal in dieser leidigen Angelegenheit ins Spiel. Und es stimmt schon, was den kleinen Kindern immer erzählt wird, dass es das Wauds eigentlich gar nicht gäbe und dass es deshalb auch gar nicht wahr sein könne, was man sich über es erzählt, dass es ein turmgrosses haariges Monster sei mit mindestens zwölf türkisgrünen Augen und einem garagengrossen Maul voller furchterregend spitzer Zähne, das in einer Höhle in einem unzugänglichen Gebirge wohnen würde, wo es bewacht von neun Schwarzalben und neun Lichtalben immerzu schläft und schläft und schläft, und nur geweckt werden könne von einem Menschen, der verrückt oder tapfer genug oder beides ist, sein Glück zu versuchen, ob es ihm denn gelänge, dem Wauds unbemerkt ein Haar auszurupfen und zwar ohne es zu wecken, auf dass es, das Haar, ihm Wohlstand und Reichtum bescheren möge, aber wenn er das Wauds durch das Ausrupfen eines seiner Haare wecke, die Rache des weltenverschluckenden, allvernichtenden, unaussprechlichen Exklusivdings vernichtend sein würde, da es überhaupt nur zwei Gemütszustände kenne, die gegensätzlicher gar nicht sein können, und diese seien der traumschwere Schlaf und die weltenverschluckende, allvernichtende, unaussprechliche Wut. Aber wir Erwachsenen wissen es natürlich besser, wir wissen, dass wir den kleinen Kindern wie immer nur Mist erzählen, denn wir wissen, dass es das Wauds sehr wohl gibt, dass es real ist, wenn auch schwer zu fassen, weil es natürlich nicht in einer albernen Höhle wohnt, sondern hinter den Stirnen der Menschen, wo es geboren wird im elektrischen Knistern einer Konfiguration von Nervenzellen, die uns glauben macht, eine Sache oder eine Ware habe einen Wert über sich selbst hinaus, die sich nicht in ihrer sachlichen Wertigkeit bemisst, sondern allein in dem Wissen einiger anderer Eingeweihter, die auch irgendwie zu wissen glauben, diese Sache oder Ware habe einen Wert über die sachliche Wertigkeit hinaus, und diese bestehe eigentlich und genau besehen darin, dass viele andere das eben nicht wissen oder NOCH nicht wissen, es aber irgendwie ahnen, dass die Hipster mal wieder irgendwas am Laufen haben, dass es mal wieder eine Grenze gibt, die aus trendaffinen Menschen oder solchen, die sich dafür halten wie Heidi Klum, Hipster oder Trüffel macht, je nachdem, auf welcher Seite dieser Grenze sie stehen. Und diese Grenze der Exklusivität oder genauer: Der Hipster-Exklusivität ist immer eine Grenze, die durch die Information geschrieben wird und eben nicht durch die Macht des Geldes. Jeder Mensch weiss, dass Rolls Royce, Ferrari, Rolex, Louis Vuitton oder 50-Meter-Yachten ziemlich exklusives, weil sehr teures Zeug sind, und eben gerade weil das so ist, sind sie in Hipster-Augen auch ziemlich prolliges Zeug, da diese Art der Exklusivität nicht verfeinert wird durch ein vermeintliches und irgendwie verschwurbelt undergroundsophisticatetes Wissen darum. Jeder Idiot kann sich so einen Kram kaufen, wenn er nur über genügend Kohle verfügt, weil das Wissen um diese Art der Exklusivität auch jedem Deppen verfügbar ist. Aber nicht jeder weiss (NOCH nicht!) um diese sehr spezielle Hipster-Exklusivität, die den Hipster – so ganz nebenbei – als jawaswohl? – Enthusiasten ausweist, nämlich als einen, der sich nen Kopf gemacht hat, der wusste, dass dieses prêt-á-porter-Zeugs einfach KOMMEN MUSSTE, weil sich der Don ja auch sonen Kopf gemacht hat, der hat studiert und war sogar in Japan, um bei sonem japanischen Tattoogrossmeister zu lernen und hat auch mit dem Horiyoshi n Buch rausgebracht, das‘ jetzt Kunst, weissde, Digger? Und dass das so ist, hat viel mit dem Grundirrtum der Hipster-Trüffel-Tragik zu tun, welche sich bei beiden in deren Selbstverständnis manifestiert. Während der Enthusiast sich nunmal in sein Leidenschaft verrannt hat und alte japanische Tattootechniken studiert oder fast ausgestorbene Weinreben wieder kultiviert oder alte, nicht mehr erhältliche Motorradersatzteile weltweit aufspürt, um sie neu nachfertigen zu lassen oder sonst irgendwas veranstaltet, was wirklich kein Mensch dieser weiten Welt braucht oder vermisst hat oder jemals vermissen würde, begreift sich der Enthusiast nicht als Experte, er begreift sich, wenn er denn überhaupt irgendwas begreift, vielmehr als einen, der das leidenschaftlich macht, was er machen muss, aus welchen Gründen auch immer. Zum Experten wird der Enthusiast erst in den Augen des Hipsters, wenn der Gegenstand der Leidenschaft des Enthusiasten für ihn aus Gründen der Hipster-Exklusivität interessant wird. Und natürlich begreift sich der Hipster auch nicht als Hipster – neeiIINnn – denn das würde ja bedeuten, dass er ein Leben vor seiner Existenz als Hipster gehabt hätte, dass er somit auf einen bereits bestehenden Trend aufgesprungen wäre, dass er womöglich davor – igitt – ein Trüffel gewesen ist, und genau deshalb ist der Hipster niemals Hipster, sondern schon immer ganz vorne mit dabei gewesen, kann der doch nix für, dass Vollbärte und karierte Flanellhemden, so wie er sie trägt, auf einmal Trend geworden sind, und spätestens, wenn er endlich ein Ed Hardy-Shirt auf Ebay USA ergattern konnte oder den Chateau Bio-Blabla nach zwölfstündigem Karaffieren genussvoll zu sich nimmt oder es endlich geschafft hat, den Vergaser an seinem alten Motorrad einigermassen richtig einzustellen, begreift sich der Hipster selbstredend als – nawaswohl? – Experten und zwar als den einzig wahren, versteht sich. Und das Erstaunliche ist, dass ihm die Trüffel das auch noch abnehmen, was jetzt auch wieder mit dem Grundirrtum der Hipster-Trüffel-Tragik zu tun hat, denn der Trüffel begreift sich einerseits ausdrücklich nicht als Trüffel, andererseits steht er aber ebenso wie der Hipster im Zwiespalt des Wollens und Müssens, denn gerade weil er nicht mehr Motorradfahren muss oder gerade, weil ihm niemand mehr vorschreibt, wie er sich anzuziehen oder welche Accessoires er zu kaufen hat, wird das Wollen zu einem Muss, denn die vermeintlich freie Wahl des Motorrades, des T-Shirts oder jedes anderen Accessoires legt die seiner Wahl zugrundeliegende Motivation bloss. Und selbst wenn er so originell sein sollte, nur Ausdrücken zu wollen, dass er sich gar nicht Ausdrücken will, entkommt er dieser Kommunikationsfalle einer modernen Konsumgesellschaft nicht: Er muss sich immer Ausdrücken, weil selbst das sich nicht Ausdrücken-Wollen, erst einmal ausgedrückt sein muss. Und weil diese Angelegenheit, die permanente Beantwortung der Frage, was man jetzt eigentlich Wollen muss, auf Dauer ziemlich anstrengend sein kann, sind nicht wenige Trüffel froh darüber, dass sich andere, nämlich die – genau – Hipster einen Kopf machen und die Frage des was man Wollen muss verbindlich, wenn auch nicht ganz freiwillig, auch für die Trüffel mitbeantworten. Und spätestens wenn der Trüffel in irgendeinem Kaufhaus irgendein T-Shirt mit irgendeinem tattooähnlichen Motiv ergattern konnte oder irgendeine Flasche Rioja ihm in der Kaufhausweinabteilung vom Kaufhausweinfachverkäufer für 39 fuffzich wärmstens an Herz gelegt worden ist oder er nur erwägt, sich im nächsten Frühjahr vielleicht irgendeines dieser modernen Retromotorräder zu kaufen, begreift sich der Trüffel selbstredend als – nawaswohl? – Hipster und zwar als den hippsten überhaupt, versteht sich. Tja, und dieser  Grundirrtum der Hipster-Trüffel-Tragik, die Verwechslung oder Verschiebung der Identitäten, gebiert nun einmal, wie könnte es anders sein, auch verwirrend tragische Folgen, von denen deren zwei hier bald näher betrachtet werden müssen, und das ist zum einen die Verflachung des Wissens über das Objekt der Hipster-Exklusivität, die einhergeht mit dem, was man auch als die Verkehrung des Objekts jenes Wissens bezeichnen könnte, und zum anderen die besondere wegen dem weltenverschluckenden, allvernichtenden, unaussprechlichen Exklusivdings – wasdennsonst? 

III. Die Verflachung des Wissens über das Objekt der Hipster-Exklusivität, die einhergeht mit dem, was man auch als die Verkehrung des Objekts jenes Wissens bezeichnen könnte

Die Verflachung des Wissens über das Objekt der Hipster-Exklusivität lässt sich nicht vermeiden, denn sie ist immanent angelegt in der Beziehung zwischen Experte, Hipster und den Trüffeln, und entwickelt sich deshalb zwangsläufig. Da kann man echt nix machen. Angenommen, der Experte kauft sich ein altes Motorrad, vielleicht sogar ein englisches, also eins von den Dingern, die aus bestimmten Gründen als schwierig gelten, da ihre Motoren stark vibrieren und somit das ganze Motorrad durchschütteln und man ihnen nachsagt, sie litten unter hartnäckiger Öl-Inkontinenz, dann wird der Experte zunächst einmal eine gründliche Bestandsaufnahme des gekauften Motorrades machen und dabei unter Umständen feststellen, dass dieses Motorrad ein besonderes Motorrad ist, weil es beispielsweise einst in einer eher seltenen Modellvariante ausgeliefert wurde, was man dem verratzten Gefährt, das nun vor ihm steht, und an dem sich im Laufe der letzten 40 bis 60 Jahre mehrere Generationen von Bastlern ausprobiert haben, leider nicht mehr ansieht, da mehrere Teile oder Merkmale, die es bei Auslieferung noch besass in den letzten Jahrzehnten verlorengegangen oder durch Fremdteile anderer Motorräder ersetzt worden sind, was, wie der Experte natürlich weiss, bei so alten Motorrädern eher die Regel als die Ausnahme ist. Und diese Erkenntnis zusammen mit dem niederschmetternden Befund der technischen Bestandsaufnahme erfüllt den Experten zum einen mit grosser Freude, denn besondere Motorräder sind selten, und zum anderen aber auch mit Schrecken, denn er weiss auch, dass er nun am Beginn einer Zeit voller Opfer, Entbehrungen und Leiden steht, da seine Leidenschaft für alte Motorräder ein blosses altes Motorrad noch eine gewisse Zeit lang hätte tolerieren können und ihm, dem Experten, somit auch zugestanden hätte, das blosse alte Motorrad zunächst einmal nur technisch standhaft zu machen, um es dann über die Monate oder Jahre mit Vernunft und Augenmass immer weiter zu verbessern und zu restaurieren. Ein besonderes Motorrad jedoch vermag seiner Leidenschaft diese Duldsamkeit nicht aufzwingen, ein besonderes Motorrad entzündet seine Leidenschaft sofort und lichterloh, vielleicht weil er der Meinung ist, dass dieses alte und besondere Motorrad auf wundersame Weise sich ihn ausgesucht hätte und nicht umgekehrt, und dass er somit auch auf wundersame Weise den Auftrag empfangen habe, diesem alten und besonderen Motorrad seine Würde zurückzugeben, was immer er auch darunter versteht. Vielleicht aber auch, weil er der Meinung ist, dass die Welt dieses Motorrad unbedingt braucht, weil sie eben durch dieses alte Motorrad, so es denn endlich instandgesetzt und wieder etwas besonderes ist, ein viel schönerer Ort wird. Vielleicht aber auch nur, weil er nunmal ein kompletter Idiot ist, der nicht verstehen kann oder will, dass das einzige, was dieses in seinen Augen besondere alte Motorrad von einem blossen alten Motorrad unterscheidet, nichts anderes ist als eine Rahmennummer oder ein besonders hässlicher Auspuff, der zu der Zeit, als das Motorrad neu war und erstmals zum Verkauf stand, schon von vielen als hässlich empfunden wurde, weshalb sich das neue „besondere“ Motorrad damals nur schleppend verkaufen liess, und wenn es doch einmal mit kräftigem Preisnachlass verkauft werden konnte, der Käufer sofort den besonders hässlichen Auspuff abmontierte, um ihn durch einen anderen zu ersetzen, wodurch das vermeintlich besondere Motorrad nicht nur so aussah wie sein Schwestermodell, das blosse neue Motorrad, sondern auch noch bis in die letzte Schraube technisch identisch mit ihm war, weshalb die Herstellerfirma aufgrund des ausbleibenden Erfolgs die Produktion des hässlich besonderen Motorrads bereits nach nur einem Jahr wieder einstellte, wodurch das hässliche Motorrad aufgrund der produzierten geringen Stückzahl in den Augen bestimmter Zeitgenossen, wie denen des Experten, irgendwann zu einem besonderen alten Motorrad wurde.

 Letztendlich ist es aber auch egal, warum der Experte das macht, was er machen muss, nach Entdeckung der Besonderheit des Motorrades, welche ihm durch seine Rahmennummer (Matching Numbers!) verraten wurde, befindet sich der Experte fortan, weil keiner vernünftigen Argumentation mehr zugänglich, auf einer Mission, getrieben von seiner Leidenschaft wird er nicht eher ruhen, bis das besondere alte Motorrad in seiner ursprünglichen Vollständigkeit wiederhergestellt ist, hierzu wird er bereitwillig alle möglichen Opfer, Entbehrungen und Leiden auf sich nehmen, er wird nächtelang aufbleiben, um bei irgendwelchen Übersee-Internet-Auktionen im entscheidenden Moment doch nicht den Zuschlag für das ersehnte „originale“ Ersatzteil zu bekommen, auch wenn er mit seinem Gebot finanziell bis an die Schmerzgrenze und darüber hinaus gegangen ist. Er wird wochenlang über Ersatzteilkatalogen und zeitgenössischen Fotos seines Schatzes brüten, bis er jede, wirklich jede zwölfstellige Ersatzteilnummer und jeden Farbcode auf Geheiss sofort und ohne auch nur eine Sekunde Nachdenken wie im Delirium herunterzubeten vermag. Er wird monatelang mindestens jeden zweiten Tag bei dem Motorenbauer anrufen, um nachzufragen, wie lange dieser noch für die Überarbeitung der Zylinderköpfe braucht, um spätestens nach 12 Monaten nur noch mit irrem Blick hysterisch in die Telefonmuschel zu kichern, wenn er zum xten Mal vernimmt, dass der Motorenbauer seiner Wahl, ein Zauberer in seinem Metier, leider, leider noch nicht dazu gekommen ist – vielleicht aber nächste Woche, mal sehen… Er wird klaglos hinnehmen, dass seine Freunde sich von ihm abwenden, da sie ihn für offensichtlich geisteskrank halten, dass sein Hausarzt ihn in die Psychiatrie einweisen will, dass seine Ehefrau nicht nur mit der Scheidung droht und seine Kinder vor Gericht seine Entmündigung beantragen, nur um eines sehr fernen Tages schweissnass und mit entgleisten Gesichtszügen leise wimmernd vor einem abgrundtief hässlichen und endlich fertiggestellten Motorrad ermattet auf die Knie zu sinken, dessen letztes Fehlteil, der hässliche Auspuff, er persönlich auf einem Schrottplatz nahe Quebec, Kanada, aus einem Haufen Gerümpel ziehen musste, da mangels Nachfrage keine Firma der ansonsten florierenden Zubehörindustrie sich jemals die Mühe gemacht hat, ihn nachzufertigen.

Angenommen, ein Hipster kauft sich ein altes Motorrad, vielleicht sogar ein englisches, also eins von den Dingern, die aus bestimmten Gründen als schwierig gelten, da ihre Motoren stark vibrieren und somit das ganze Motorrad durchschütteln oder man ihnen ausserdem nachsagt, sie litten unter hartnäckiger Öl-Inkontinenz, dann hat der Hipster genau zwei Optionen, wie er mit diesem alten Motorrad weiter verfahren muss und zwar, Option Nummer eins:  Er lässt alles so wie es ist, und restauriert das Motorrad nicht, da er nämlich unbedingt vermeiden muss, dass das verratzte Motorrad, das vor ihm steht, und dessen Geschichte ihn zumeist nicht die Bohne interessiert, irgendwann so aussieht wie eines der überrestaurierten Dinger der Opis bei den Veteranentreffen, weil Opis und Veteranentreffen und damit auch überrestaurierte Motorräder in seinen Kreisen nämlich als ziemlich uncool gelten, und es sich bei diesen Opis ausserdem zumeist um echte Experten handelt, in deren Gesellschaft der verkappte Experte Hipster aber in Nullkommanix auffliegen würde, weshalb es allemal besser ist, die Kreise der Opis zu meiden. Ausserdem verströmt so ein richtig verratztes Motorrad auch so eine ziemlich lässige Note, was der Hipster natürlich weiss und für sich zu nutzen versteht, denn so ein gebraucht aussehendes Motorrad weist den Hipster als sogenannten Daily Rider aus, also als einen, der mit und auf dem alten Motorrad lebt, es tagtäglich und bei fast jedem Wetter bewegt- versteht sich! – und es natürlich nicht nur bei Sonnenschein und mindestens 25 Grad Celsius Aussentemperatur publikumswirksam zur nächsten angesagten Gelateria Artigianale oder Burger Manufaktur oder Bar and Lounge pilotiert wie irgendwelche erbärmliche Hipsterspacken. Und eben um diese Lässigkeit noch zu unterstreichen, hat sich der Hipster ja auch ein altes englisches Motorrad gekauft, also eines von diesen Dingern, die aus bestimmten Gründen als schwierig gelten, da ihre Motoren – achgottchen! – so stark vibrieren und somit – herrjeh! – das ganze Motorrad durchschütteln und man ihnen ausserdem nachsagt – kanndochnichwahrsein! – sie litten unter hartnäckiger Öl-Inkontinenz, weil nämlich so schwierige Motorräder nur von echten Experten geschraubt und bewegt werden können. Und damit das auch wirklich jeder begreift, sorgt der Hipster dafür, dass sein vermeintlich schwieriges Motorrad hin und wieder mal einen Tropfen Öl fallen lässt, auch wenn es das gar nicht müsste, weil es sich somit als echt schwieriges Material ausweist, das er, der einzig wahre Experte, aber vollkommen im Griff hat, weshalb er auch seinen Hipsterfreunden, mit denen er sich im Kiezcafe versammelt hat, und die sich bei entsprechender Nachfrage wohl nicht erinnern könnten, ihn jemals bei anderen klimatischen Bedingungen als bei Sonnenschein und mindestens 25 Grad Celsius Aussentemperatur auf anderen Strecken als zwischen seinem Zuhause und irgendwelchen Szenetreffs auf seinem verrratzten Motorrad gesehen zu haben, fachmännisch und oberlässig steckt, während sie ehrfürchtig von ihren hausgemachten Cold Brews und biologisch korrekten Möhrchenkuchen aufschauen, dass so lange unten aus seinem Motorrad Öl raus tropfe, oben im Motor immer noch welches drinne sein müsse. 

Die zweite und letzte Option, die sich dem Hipster eröffnet, wenn er sich ein altes Motorrad kauft, ähnelt zumindest vordergründig, wie könnte das auch anders sein, der Vorgehensweise des Experten, wenn dieser sich ein altes Motorrad kauft, und das wiederum aus dreierlei Gründen: Weil nämlich der Hipster erstens und selbstredend der einzig wahre Experte ist, weil der Hipster zweitens im allgemeinen ein starkes Faible für craftsmanship, also Handwerkskunst hat, deshalb auch das ganze Authentizitätsgeschwurbel, und weil der Hipster drittens all das, was er veranstaltet, immer nur veranstaltet, um sich von den – igitt – Trüffeln zu unterscheiden, also eigentlich um seine total nonkonformistische Einzigartigkeit unter Beweis zu stellen. Und aus diesen Gründen beschliesst der Hipster, der sich ein altes Motorrad gekauft hat und im Folgenden als Verfahrensweise die zweite Option wählt, sich aus eben diesem alten Motorrad eigenhändig ein total nonkonformistisches Motorrad zu bauen, so wie es sonst keiner ausser ihm auf der ganzen weiten Welt besitzt. Aber anders als beim Experten, der ein privates, fast schon intimes Verhältnis zu dem Objekt seiner Begierde pflegt, lässt der Hipster, der beschlossen hat, sich ein total nonkonformistisches Motorrad zu bauen, die ganze weite Welt von Anfang an an seinem Vorhaben teilhaben, indem er sie minütlich über Facebook, Pinterest, Instagram, Twitter oder gar sein eigenes Blog über den Fortgang seines Projektes informiert. Und so dürfen dann all seine Follower, Facebook-Buddies und sonstige Interessierten in Echtzeit eine Flut von Textnachrichten und Fotos zu Kenntnis nehmen, in denen der Hipster über die Authentizität der alten Motorräder schwadroniert, die im Gegensatz zu den Plastikmoppeds heutiger Zeit verdammtnochmal vergaserbefeuert sind, deren Motoren nicht nur deshalb noch eine Seele hätten, der man spätestens dann teilhaftig werde, wenn der Motor nach fuffzich Kilometern Warmlaufphase so rischtisch locker am Gas hängen würde, ein Erlebnis, das man mit allen Sinnen geniessen müsse, und es darum manchmal nötig wäre, ungewöhnliche Wege zu gehen, um dieses Erlebnis noch authentischer zu machen, weshalb er, der Hipster, gerade darüber nachdenke, an seinen ollen Boxer-Zweiventiler zwei Keihin-Vergaser dranzuhängen undsoweiterundsofort. Und derlei Weisheiten garniert der Hipster natürlich mit Fotos, die alle immer so voll aus dem Leben gegriffen sind, die alle immer so zufällig aufgenommen aussehen, wenn sie den Hipster zeigen, wie er sinnierend, als sei er völlig allein in seiner Garage, vor einem alten kaputten Motorrad steht, wie er den Keihin-Vergaser selbstvergessen auf seine Funktion prüft, wie er sich an der Werkbank total konzentriert mit öltropfenden Händen durch die Haare streicht, während er am offenen Motor hantiert oder – und natürlich darf diese Ikone der Hipster-Ich-bau-mir-jetzt-ein-total-nonkonformistisches-Motorrad-Fotographie nicht fehlen – wenn er mit der Flex den Heckrahmen seines alten Motorrads kürzt. Und wer sich jetzt schon immer gefragt hat, warum eigentlich die Hipster partout die Hecks ihrer alten Motorräder kürzen müssen, ein Phänomen, welches mittlerweile schon solch pandemische Auswüchse angenommen hat, dass die florierende Zubehörindustrie bereits dazu übergegangen ist, gekürzte Heckrahmen von der Stange zum Dranschrauben zu produzieren: Ob das vielleicht seinem Motorrad eine sportiv elegante Note verleihen soll oder ob der Hipster damit listig verhindern will, seine Freundin oder Ehefrau auf seinem Motorrad mitnehmen zu müssen, oder ob er damit vielleicht zum Ausdruck bringen möchte, dass er, wenn er überhaupt einmal mit seinem alten Motorrad verreist, mit total wenig Gepäck auszukommen gedenkt, dem sei gesagt, dass das massenhafte Malträtieren von Motorradrahmen durch den Hipster immer nur zwei Gründe hat, die eigentlich der ein und derselbe sind, zum einen nämlich der entschiedene Hinweis auf seine fortgeschrittenen Craftsmanship-Fähigkeiten, denn der Rahmen muss nicht nur gekürzt, sondern danach auch wieder irgendwie zusammengeschweisst werden, und Schweissen ist nunmal oberlässig, als auch die Romantisierung des Craftsmanship-Gedankens, dessen Ausdruck das immer gleiche Foto ist, das den Hipster höchstselbst beim virilen Akt des Kürzens zeigt, da die Funken hübsch pittoresk fliegen und somit den entschlossenen Gesichtsausdruck des mannhaft flexenden Hipsters, der im Begriff steht, sich das Material craftsmanshipmässig zu unterwerfen, unter seiner Schutzbrille so schön heroisch ausleuchten. Und eigentlich hätte der Hipster, während er beharrlich sein Projekt verfolgt und seine Follower, Facebook-Buddies und sonstige Interessenten mit Neuigkeiten füttert, welche natürlich fast ausschliesslich aus Hipstern bestehen, die zeitgleich ein total nonkonformistisches Motorrad zusammenbauen und deshalb auch in Echtzeit alle Welt via Facebook, Pinterest, Instagram, Twitter oder gar ihre eigenen Blogs über den Fortgang ihres Projektes auf dem Laufenden halten, mannigfaltige Gelegenheit für noch weitere prall aus dem Leben eines motorradzusammenbauenden Hipsters gegriffene Fotos, aber seltsamerweise finden diese Gelegenheiten niemals ihren Weg auf die Sensorchips der Smartphones und somit auch nicht in die sozialen Netzwerke wie zum Beispiel Bilder von den zwei Feuerwehreinsätzen, die notwendig wurden, weil der Hipster bei seiner mannhaften Flexerei leider das Benzin entzündete, das er aus dem Tank des alten Motorrades in einen Eimer geleert hatte, um das rostbefallene Tankinnere mit Hokuspokus-Rostumwandler behandeln zu können, oder als er den alten Kabelbaum, den er sorgsam aus dem Scheinwerfer und dem Rahmen des alten Motorrades heraus gefriemelt hatte, wobei er alle Stecker und Kontakte mit gelben „Post its“ versah, auf die er wahlweise „rechter Blinker“, „linker Blinker“, „Fussbremslichtschalter“, „Hupe“, „Batterie“, „Weissnichtmehr“ undsoweiter krakelte, nach Wiederverlegung das erste Mal auf seine Funktion prüfte. Aber eins muss man ihm lassen, dem Hipster, er bringt sein Projekt trotz aller Widrigkeiten zu Ende, auch wenn es dazu notwendig sein sollte, entnervt in dunkler Nacht ein halb verkohltes altes Motorrad in den Miettransporter zu schieben, um es zu einer professionellen und verschwiegenen Motorradwerkstatt weit vor den Toren von Hipster-City zu bringen, die sein Projekt nach seinen Angaben und zu horrenden Preisen fertigstellen wird. Dass er sein Projekt zu Ende bringt, hat aber anders wie beim Experten weniger mit der in ihm lodernden Leidenschaft zu tun als vielmehr mit dem sozialen Druck, unter den sich der Hipster mit seinen permanenten Verlautbarungen und Foto-Postings in den sozialen Netzwerken selbst gesetzt hat. Er muss dieses Motorrad fertig bauen, will er nicht zeitlebens der Mopps in seinem Kiez sein, denn da helfen dann auch keine karierten Flanellhemden und keine Vollbärte mehr. Und so dämmert dann irgendwann der Tag, an dem der Hipster in seine Pferdeleder-Motorradjacke schlüpft, den Jethelm aufsetzt, die Skibrille darunter feinjustiert, das raw-denim-bekleidete rechte Bein über den Sattel seines schicken Zweiventiler-Boxers schwingt, mit dem linken Fuss im Red Wing vor dem Starten den Leerlauf sucht, um auf seiner Maschine mit kurzer Echt-Antikleder-Sitzbank, freiem Rahmendreieck, pastellfarbenem Tank und „Built not Bought“-Aufkleber auf dem hinteren Schutzblech die 500 Meter bis zum nächsten Hipster-Motorradtreff seines Viertels zu rumpeln, wo er seine Maschine neben den anderen Maschinen parkt, mit den Kumpels n bisschen Benzin quatscht und das eine oder andere Schrauber-Anekdötchen teilt, um dann später, wenn es an die Heimfahrt geht, feststellen zu müssen, dass er sein total nonkonformistisches Motorrad unter den ganzen anderen total nonkonformistischen Motorrädern seiner Facebook-Buddies und Hipster-Followern lediglich anhand der total individuellen Buchstaben- und Ziffernfolge des Nummernschildes wiedererkennt.

Angenommen, ein Trüffel kauft sich ein altes Motorrad, vielleicht sogar ein englisches… Aber nein, ein Trüffel kauft sich kein altes Motorrad und schon gar kein englisches. Denn wenn der Trüffel dies täte, wäre er ein Hipster. Aber dennoch hat der Trüffel irgendwie mitbekommen, dass die Hipster mal wieder was am Laufen haben, sei es durch die zunehmende Anzahl von bärtigen, Jethelm drapierten Motorradfahrern, die in Pferdeleder gewandet mit Skibrille auf alten und lauten Motorrädern durch sein Viertel kacheln oder auch durch die zunehmende Anzahl der Berichte und Fotoreportagen der Motorradpostillen, welche die Stars der sogenannten New Custom Szene feiern, die alte Motorräder mehr oder weniger einfallsreich umbauen, und so auch einen „New Way of Motorcycling“ proklamieren, der irgendwie puristisch, authentisch als auch cool und lässig sein soll. Und natürlich will der Trüffel auch irgendwie cool, lässig, puristisch und authentisch sein, und ausserdem weiss er aus Erfahrung, dass so ein Hipster-Dings, erst einmal am Laufen, eine ziemliche Dynamik entfalten kann und somit seine Chancen, demnächst am Bikertreff mit seiner zehn Jahre alten GS oder African Twin auf der gefühlten Lässigkeits-Skala ganz unten zu rangieren, nicht schlecht stehen, weshalb er, was seine weitere Motorradfahrerkarriere angeht, akuten Handlungsbedarf diagnostiziert. Aber leider versteht der Trüffel nicht, dass sich die Welt der motorradfahrenden Hipster bestimmter ausgetüftelter Codes bedient, die festlegen, was geht und was nicht, was cool und lässig ist und was nicht, welche Motorradjacke, welche Jeans, welche Schuhe, welche Brille undsoweiter und wie getragen werden müssen, um dazuzugehören. Der Trüffel versteht nur, dass alte Motorräder irgendwie „in“ sind und dass Motorradfahrer auf alten Maschinen irgendwie lässig aussehen müssen. Alte Maschinen aber sind ihm suspekt, weil vermeintlich reparaturanfällig, Schrauben kann oder will er nicht, das Craftsmanship-Geschwurbel ist ihm herzlich egal, wenn er überhaupt darum weiss, das heisst, er will gerne Teil der von ihm empfundenen Hipster-Lässigkeits-Welt sein, kann aber aus bestimmten Gründen, sei es aus Bequemlichkeit oder mangelnder Zeit, nicht dieselbe Leidenschaft wie der Experte oder die gleiche Leidensfähigkeit nach selbst aufgebauten sozialen Druck wie der Hipster aufbringen. Das heisst, der Trüffel hat ein mehr oder weniger dringendes Bedürfnis, das in ihm durch die Hipster geweckt worden ist, das er aber nicht auf dieselbe Weise wie die Hipster befriedigen kann oder will, weshalb er unter Umständen sehr dankbar sein wird, wenn man ihm ein entsprechendes Angebot macht. Und genau in diesem Moment kommt natürlich die Industrie ins Spiel, die das Treiben der Hipster in den letzten Jahren zum einen zunehmend begeistert, aber zum anderen auch sorgenvoll beobachtet hat. Begeistert, da auch aufgrund der Hipster die Zulassungszahlen der Motorräder nach Jahren der Stagnation endlich wieder steigen, sorgenvoll, weil die Industrie an dem Hype um gebrauchte und alte Motorräder natürlich wenig bis nix verdient. Die Hersteller wollen also nicht nur ein paar Ersatzteile für die alten Motorräder verkaufen, sondern haben das ebenfalls dringende Bedürfnis, neue Motorräder an den Mann oder auch an die Frau zu bringen. Und aus leidiger Erfahrung wissen sie, dass sie die Hipster mit ihren Angeboten aus bestimmten Gründen nicht werden erreichen können, was aber mehr als nur zu verschmerzen ist, wenn es ihnen gelingt, die Trüffel auf Linie zu bringen und diese von ihren Produkten zu überzeugen, die es ihnen ermöglichen sollen, in die Hipster-Lässigkeit einzutauchen, ohne sich mit den alten Maschinen vermeintlich herumzuplagen. Und genau deshalb ersinnen die Hersteller Retro-Motorräder, also Motorräder, die zwar über moderne Technik und vermeintliche Zuverlässigkeit verfügen, jedoch in ihrer Gestaltung oder Formgebung historische Vorbilder zitieren. Retro an sich ist kein neues Phänomen in der Motorradwelt, immer mal wieder haben die Hersteller in den letzten Jahren ein paar Retromodelle angeboten, so wie Harley-Davidson in den vergangenen Jahrzehnten eigentlich nichts anderes gebaut hat als Retro-Motorräder. Neu ist an diesem Phänomen in der Motorradwelt, dass der Retro-Trend derzeit so stark ist, dass fast jeder Hersteller gezwungen ist, mindestens ein Retromodell anzubieten, wenn er von den steigenden Zulassungszahlen profitieren will. Und so rollten in den letzten Jahren immer mehr sogenannte Retro-Bikes aus den Werkshallen: Moto Guzzi V9, Ducati Scrambler, Triumph Bonneville, Yamaha SR 400, BMW R nineT, um nur einige zu nennen. Anfangs ein bisschen stiefmütterlich motorisiert und von den Herstellern wohl selbst nicht ganz ernstgenommen, werden diese Motorräder jetzt zunehmend vollwertiger ausgestattet. Aus den Spassmobilen mit klassischer Optik von vor ein paar Jahren sind inzwischen echte Motorräder geworden, welche die Motorradfahrerschaft aber auch spalten. Denn so ein Retro-Motorrad ist nunmal ein seltsam Ding, ein Zwitter zwischen dem Gestern und Morgen. Konfrontiert man den Experten mit einem dieser Retro-Motorräder, wird er versuchen, dieses ihm unbekannte Wesen kontemplativ zu verstehen, er wird es lange betrachten, um irgendetwas an diesem Motorrad zu finden, an dem er seinen Blick festmachen kann, und das ihm den Rest des Gefährts gleichsam aufzuschlüsseln vermag. Nur wird er in der Regel nichts finden, da er vor einem Objekt steht, das für ihn zu indifferent ist, das ihm etwas vorzugaukeln versucht und damit mit einer Sprache spricht, die er nicht versteht, zu viel vertraute Worte, die dennoch so fremd klingen in seinen Ohren. Trotzdem wird der Experte höflich bleiben und zu dem Fahrer des Retro-Motorrades beispielsweise Dinge sagen wie: „Das ist aber ein tolles Motorrad. Und so eine schöne gelbe Gabel hat es. Ist eine Upside Down, ne?“ Und da wird sich der Retro-Motorradfahrer wahrscheinlich geschmeichelt fühlen, dass er von einem Experten zu seinem Motorrad befragt wird, was ihn in der Ansicht bestätigt, dass er sich ne echt lässige Maschine zugelegt hat, um den Experten sodann mit monologisierendem Benzingequatsche zu überschütten, was der aber durchaus beabsichtigt hat, weil nämlich der Redeschwall des Trüffels ihm die Zeit geben soll, darüber nachzudenken, wie er aus der Nummer wieder raus kommt. Konfrontiert man den Hipster mit einem Retro-Motorrad, so wird er gar nichts sagen, da er, wenn überhaupt, nur eine Nanosekunde benötigt, um zu wissen, wie er sich zu dem Retro-Motorrad zu verhalten hat, denn obwohl dieses Motorrad die vernünftige Lösung seiner Motorradprobleme sein könnte, da es zuverlässig funktioniert, was seine 45 Jahre alte Möhre leider nicht tut, da beispielsweise der Rostumwandler in seinem Tank den Rost leider nur in Rost umgewandelt hat, der jetzt die Vergaser verstopft, oder die Elektrik total verfrickelt ist, weiss er, was seine Hipsterkollegen todsicher zu ihm sagen werden, würde er mit diesem Retro-Dings beim Treff auftauchen: „Das’ jetzt nicht dein Ernst, Digger!“ oder „Sieht aus wie gewollt und nicht gekonnt, Alta!“ genuschelt aus Vollbärten unter Trucker-Caps wären noch die harmlosesten zu erwartenden Kritiken, weshalb sich der Hipster wortlos in sein weiteres trauriges Motorradschicksal fügt, nicht ohne sich mit der Einsicht zu trösten, dass so eine coole lässige Hippness nun mal auch seinen Preis haben muss, denn sonst könnte ja jeder so cool und lässig sein wie er. 

Und so offenbart sich eben die Verflachung des Wissens über das Objekt der Hipster-Exklusivität gerade in der Art der Beziehung der drei Protagonisten zu ihrem Objekt. Für den Experten bleibt das Objekt seiner Beziehung immer das Motorrad selbst, dem er sein Wohl und Wehe unterwirft und zu dem er aus irgendwelchen psychopathologischen Gründen eine fast schon intime Beziehung pflegt. Ganz anders der Hipster, für ihn ist das Objekt der Beziehung eigentlich nicht das Motorrad, sondern er selbst oder seine eigene Grossartigkeit, die durch das Motorrad als Accessoire bloss ausgedrückt werden soll. Und schliesslich der Trüffel, der in der irrigen Annahme, er sei ein Hipster, zwar meint, er drücke auch seine eigene Grossartigkeit durch das Accessoire Motorrad aus, bei dem sich jedoch die Objektbeziehung total verkehrt hat, da weder seine eigene Grossartigkeit noch das Motorrad zum Objekt geworden sind, sondern er selbst, aufgestöbert durch den „Trüffelhund“ Hipster, zum Objekt der Marketingstrategen der Industrie geworden ist. So mag es nicht verwundern, dass im Fortgang oder der Veränderung der Objektbeziehung vom Enthusiasten über den Hipster bis hin zu Trüffel auch immer eine weitere Verflachungsstufe des Wissens markiert wird, da sich die Protagonisten immer weiter von dem Motorrad entfernen, der Experte noch ganz nah am Objekt seiner Begierde, der Hipster immer nur nah bei sich, vielleicht auch, weil er nur zufällig zu seiner „Passion“ Motorrad gekommen ist, weil eben Motorräder und nicht Katamarane oder (wie aktuell) DiversityGenderÖkoClimate-Transformations-Gedöns gerade Trend waren, als er auf den Hipsterzug aufgesprungen ist, und schliesslich der Trüffel, der zwar ein Motorrad mit „klassischer“ Optik aber mit moderner Technik und Elektronik gekauft hat, die sich ihm unter ein bisschen Retro-Make-up unzugänglich und abweisend wie eine Black Box präsentieren, weshalb er zusätzlich zu dem Kaufpreis des Motorrads noch gezwungen sein wird, das Salär für die Dienstleistungen der Vertragswerkstatt in den Gesamtpreis miteinzukalkulieren, was natürlich kein Zufall ist. Und parallel zu der Verflachung des Wissens, vollzieht sich zwangsläufig somit auch eine Umkehrung der Verfügungsgewalt oder der Macht über das Motorrad, hat der Enthusiast das alte Motorrad noch ganz in seiner Gewalt und zwar so sehr, dass zuweilen fast der Eindruck entstehen könnte, das Machtverhältnis zwischen ihnen beiden sei umgekehrt, was aber täuscht, denn letztendlich bleibt er auch bei allen Rückschlägen immer Herr des Verfahrens, der nur die üblichen Abhängigkeiten zu Zulieferern und Ersatzteillieferanten kennt, sieht es beim Hipster schon anders aus, da er sich beim Umgang mit seinem Motorrad, ob Verratztvehikel oder Custom-Bike, allein davon leiten lässt, was Dritte über sein Projekt denken oder denken könnten oder denken werden, weshalb er sich permanent und in Echtzeit bei seiner „Community“ rückversichert, auch um das Denken der Anderen über sich selbst irgendwie unter Kontrolle zu halten, eine durch permanente Rückkopplung sich immer mehr verzerrende Kommunikation, die schliesslich und zwangsläufig ein inzestuöses Ergebnis gebären wird: Ein Allerweltsmotorrad, dessen Entstehungsgeschichte nie wirklich vollständig in seiner Macht war und in dessen eigentlichen Kern er immer nur so weit vorgedrungen ist, wie es seiner eitlen Selbstdarstellung diente, ein schon partieller Verlust der Macht über sich und sein Motorrad, der sich dann beim Trüffel als fast total erweisen wird, da eben die Entgrenzung des Trüffels totaler ist als die des Hipsters, welcher seinen Motorradfimmel immerhin noch in das mehr oder weniger enge Setting eines bestimmten Milieus einbettet, dem Hipsterkosmos, dem irgendwelche, wenn auch verschwurbelten Werte wie beispielsweise Craftsmanship oder Authentizität untergeschoben sind, die den Hipster in gewisser Weise erden, die ihn gewissen selbstgewählten Regeln unterwerfen, die ihn begrenzen und die eben in dieser Grenze auch einen Unterschied zum Trüffel behaupten. Der Trüffel hingegen möchte nur ein einziges Element aus dem Hipsterkosmos, der ganze andere Kram, wenn er denn überhaupt um ihn weiss, ist ihm egal, er möchte die luftige Lässigkeit auf einem vermeintlich urtümlichen Motorrad und muss dabei fast zwangsläufig übersehen, dass auf dieser Welt nun einmal (fast) nix für umsonst zu haben ist und man immer einen Preis zu zahlen hat.

IV. Retro

Und wahrscheinlich hat es das schon zu allen Zeiten gegeben, das menschliche Bedürfnis, Formen, Stile oder auch Moden vorangegangener Epochen in der Gegenwart zu zitieren, wahrscheinlich haben nicht nur die alten Römer die Formen und Stile der alten Griechen kopiert und zitiert, sondern erinnerte man sich schon in der Steinzeit an die unglaublich lässige Art, wie die Vorväter ihre Keule schulterten oder an ihren schicken kurzen Lederschurz, der zudem noch aus so echt flauschigem Kaninchenleder gefertigt worden war, weshalb die Steinzeit-Hipster sich seinerzeit sogleich daran machten, Keulen und Lendenschurze craftsmanshipmässig mit alten Manufactum-Faustkeilen nachzufertigen. „Retro“, also die „rückwärts“-gewandte Orientierung an Kulturformen, -elementen und -traditionen vergangener Epochen, um diese mehr oder weniger stark ausgeprägt bzw. abgewandelt oder neu interpretiert in allen möglichen Kulturbereichen der Neuzeit, seien diese Mode, Architektur, Kunst, Produktdesign, Rituale, Sprache, Lebensmittel, Werte und und und, zu transportieren oder zu zitieren, scheint ein Phänomen zu sein, das alle Daseinsbereiche des Menschen immer schon mit-erfasst hat. Wobei dieses „Retro“, der Rückgriff auf das Alte und Dagewesene, kaum bestimmte Regeln erkennen lässt, die diesen Rückgriff definieren, „Retro“ überspringt mit Leichtigkeit mehrere Jahrhunderte, um mit der Renaissance im 15. und 16. Jahrhundert das kulturelle Erbe der römischen und griechischen Antike wiederzubeleben, erweist sich aber auch als erstaunlich kurzgriffig, wenn in der neuzeitlichen Pop- und Rockmusik mit Beginn der Nuller Jahre mit fast schon eintöniger Regelmässigkeit alle paar Jahre nicht nur die Musikstile der vorangegangenen Jahre verwurstet werden, sondern auch schon deren Retro-Vor-Vor-Verwurstungen, also im sogenannten Alternative-Rock-Genre nicht nur die 60er und 70er zitiert werden, sondern auch die Zitate von dieser Musik, die bereits in den 80er und 90er in der sogenannten Independent-Music getätigt worden sind. Retro ist aber nicht nur eine kulturgeschichtliche Epoche oder ein Musikstil, Retro ist auch ein Paisleymuster, ein Paar Cowboystiefel, ein Petticoat, eine Fernsehserie, ein Speiseeis, eine Limonadenflaschenform, eine Sonnenbrille oder ein Jeans-Schnittmuster, um nur ein paar der sicher millionenfachen Ausformungen des Phänomens „Retro“ zu nennen, die zumindest oberflächlich nichts miteinander gemein haben, denn was schon sollten die Renaissance mit dem Speiseeis „Brauner Bär“ und die Ramones mit der Zeichentrickserie „Wickie“ gemein haben können? Und um das Durcheinander noch komplett zu machen, wird die Welt der Retro-Produkte gelegentlich noch unterschieden in echte, unechte, generische und neu designte Retro-Objekte, was zwar einigermassen hilfreich sein kann, um irgendwie den Grad ihrer Authentizität zu bestimmen, das menschliche Bedürfnis nach dem „Rückwärts“ erklären derlei Unterscheidungen aber nicht unbedingt. Und so bleibt dann zunächst einmal der Verweis auf den vielleicht gängigsten Erklärungsansatz, der davon ausgeht, dass Menschen ein Bedürfnis danach hätten, im Erwachsenenalter die prägenden Produkte oder die Formenwelt ihrer Kindheit wieder zu entdecken, wobei es diesbezüglich nicht ganz klar zu sein scheint, ob dieses Bedürfnis auch tatsächlich besteht oder dem Konsumenten nur durch die Industrie untergeschoben wird, wenn er im Supermarkt seiner Wahl auf eine neuzeitliche Limonade in der ihm aus der Kindheit bekannten Flaschenform trifft. Diese vermag sicherlich einen nostalgischen Moment auszulösen, so wie beim Betrachten alter Fotos, aber gibt es deshalb auch ein originäres Bedürfnis nach Limonade in alten Flaschen oder neuem Wein in alten Schläuchen? Sicherlich nicht. Aber vielleicht gibt es ein Bedürfnis nach alten Fotos oder genauer: Nach dem auf ihnen eingefrorenen Momenten der Erinnerung, zumal wenn das Erinnerte längst vergangen, es in der neuzeitlichen Alltagswelt nicht mehr vorhanden ist, so wie eine Limonadenflasche, die bereits seit Jahren nicht mehr produziert wird, die also auch „gewesen“ ist. Eine Limonadenflaschenform jedoch, die immer da geblieben ist, die niemals gewesen ist, muss auch nicht explizit erinnert werden, man muss sie lediglich erkennen können, eine Art alltagspraktisches Erinnern, das uns nicht nur das Einkaufen erleichtert, sondern auch generell die Orientierung im Jetzt, da wir wissen oder besser gesagt: Uns erinnern, wie die Flasche unserer favorisierten Limonade aussieht oder was das rote Licht an der Ampel bedeutet oder wie man einen Aufzug bedient, ein unbewusstes, „automatisches“ Erinnern, mit dem in der Regel keine nostalgischen Momente verbunden sind. Wird man nun unverhofft mit einer Limonadenflaschenform konfrontiert, die vor vielen Jahren auf den Markt gekommen ist, die dann wieder für einige Zeit verschwand und jetzt plötzlich wieder im Supermarktregal steht, so fühlt sich dieses „Wieder-Erinnert-Werden“ an diese Limonadenflaschenform anders an als das „automatische Erinnern“ der Limonade oder des Speiseeis‘ oder der Zeichentrickserie in der Kindheit. Und das mag damit zu tuen haben, dass man sich eigentlich gar nicht an die Limonadenflaschenform der Kindheit erinnert, sondern mittelbar durch die Limonadenflaschenform an eine prägende Zeit in der eigenen Biographie, in welcher man die ersten Limonadenflaschen bewusst wahrnahm und den Umgang mit ihnen lernte, den ersten „Brauner Bär“ selbständig einkaufte und verspeiste und die ersten Zeichentrickserien schaute, eine Zeit, in der sich das Bewusstsein ausbildete und die man deshalb vielleicht die persönliche „Gründungszeit“ nennen kann, da sich in ihr und anhand der Erfahrungen mit den persönlichen „Archetypen“ der damaligen Zeit, also den Limonadenflaschen, dem Speiseeis und den Zeichentrickserien etc. der Kindheit, das ausbildete und entwickelte, was weiter oben das alltagspraktische Erinnern oder das Orientierungsvermögen im Jetzt genannt wurde, ohne an dieser Stelle zu tief in die Entwicklungspsychologie einsteigen zu wollen. Wenn also das menschliche Bedürfnis nach Retro ein Bedürfnis nach einer Rückschau in die persönliche „Gründungszeit“ ist, dann ist es immer auch eine Rückschau in den Baukasten der Dinge mittels derer sich ein Gutteil unseres Bewusstseins ausbildete, und schauen wir zurück, erhalten wir durch das Erinnern oder das Zitieren der persönlichen „Archetypen unserer individuellen Gründungszeit“ im Jetzt immer auch Zitate unserer eigenen Entwicklungsgeschichte, welche uns unserer Selbst – oder wenn man so will: Unserer Identität versichern sollen. Und jetzt könnte man natürlich schreiben, dass es sich mit den Retromotorrädern ebenso verhalte, dass nämlich alle diejenigen, die sich ein Retromotorrad kaufen, irgendeine prägende Kindheitserfahrung mit den originalen Motorrädern in der Kindheit gehabt haben müssten, so sie sich beispielsweise erinnern, wie jemand damals eine Norton Commando ankickte oder begeistert dem Sound einer ollen Moto Guzzi Le Mans lauschte, die 1976 an irgendeiner Eisdiele vorbei rumpelte. Und vielleicht verhält es sich auch genauso, aber dennoch greift der Erklärungsansatz, wonach der Retroeffekt allein durch prägende Ereignisse in der persönlichen „Gründungszeit“ bedingt sei, womöglich zu kurz, da er beispielsweise das kulturgeschichtlich grösste Retrophänomen, die Renaissance, nicht wirklich erklären kann, es sei denn, man betrachtet die Renaissance als Station auch  einer Entwicklungsgeschichte und zwar die der europäischen Kultur, die ihre Wurzeln wiederentdeckt und sich bewusst in die Tradition der römischen und griechischen Antike stellt, wodurch die kulturellen Leistungen der Antike beziehungsweise deren Archetypen zum Vorbild für die Kunst, Architektur Philosophie und Literatur des 15. und 16. Jahrhunderts wurden. Die Antike könnte dann verstanden werden als die „Gründungszeit“ der europäischen Kultur, deren Formenkanon, Philosophie und Literatur nicht nur für die Renaissance, sondern für die gesamte europäische Geistes- und Kulturgeschichte prägend war, was wohl heute niemand ernsthaft bestreiten wollte. In der Retroschau auf die Antike, deren Zitate nicht nur in der Renaissance verwurstet worden sind, sondern auch in späteren Epochen immer und immer wieder verwurstet wurden und werden, offenbart sich somit eine europäische Kulturentwicklung, die in regelmässigen Abständen immer und immer wieder die Archetypen ihrer Gründungszeit zitiert, ganz so, als wolle sie sich im weiteren Fortgang ihrer Entwicklung immer und immer wieder der Kontinuität ihrer Identität rückversichern, ebenso wie es dem neuzeitlichen Alternative-Rock auf Dauer eigentlich unmöglich ist, die Ramones, die Stooges oder die MC5 als auch deren Zitate in einer späteren Zeit in der Neuzeit nicht zu zitieren, will er die Kontinuität seiner Identität nicht verlieren. Echte Retro-Phänomene, die tatsächlich in der Lage sind, einen tiefen nostalgischen Moment hervorzurufen, können demnach, in Abgrenzung zu irgendeinem modischen Firlefanz, der irgendwie und zusammenhanglos ein bisschen Gestern behauptet, immer nur verstanden werden als identitätsstiftende Zitate innerhalb einer Entwicklungsgeschichte, deren tieferer Sinn es sein sollte, die Kontinuität dieser Identität auch zu behaupten. Das ist vielleicht vergleichbar mit dem Schreiben eines Textes, der immer länger und länger gerät, auch weil der Author vielleicht ein notorischer Abschweifer ist, sodass er sich gezwungen sieht, den Text, den er bisher geschrieben hat, und vor allem den Anfang, während er weiter an dem Text schreibt immer und immer wieder zu lesen, um sich zu so versichern, dass er, der Text, nicht Gefahr läuft, den Zusammenhang zu verlieren.

Und jetzt sollte man natürlich erwarten, dass die Motorradgeschichte auch die Archetypen ihrer prägenden Zeit, ihres Anfangs zitiert und deshalb die heutigen Retromotorräder eigentlich alle Zitate der Archetypen dieser Zeit, also der 1910er oder 1920er Jahre tragen müssten. Aber so einfach ist das nicht, ein Anfang ist nicht immer auch der Anfang, denn betrachtet man Retromotorräder heutiger Produktion, eine Triumph Bonneville, eine Yamaha SR400, eine Moto Guzzi V7, eine Ducati Scrambler, um nur einige zu nennen, so findet man, dass sie alle die Attribute oder Zitate der historischen Motorräder aus den 1960er und 70er Jahren tragen. Und so verhält es sich bei fast allen Retromotorrädern aller Marken, sie zitieren historische Vorbilder und Formen aus den 1960er und 70er Jahren, abgesehen von den Marken vielleicht, die in zu dieser Zeit nicht mehr existent waren, da sie wie Brough Superior und Indian in den 1940er bzw. 50er Jahren pleite gingen, und jetzt nach der Neugründung eben Retromotorräder produzieren, die Stilelemente dieser Zeit zitieren. (Eine der wenigen Ausnahmen ist die BMW R18, die eine BMW aus den 1930er Jahren zitieren soll, aber eigentlich das fast schon schamlose Plagiat einer 1970er Harley ist, wenngleich auch im „BMW-Make-up“) Dass die heutigen Retromotoräder vorwiegend Bezug auf ihre historischen Vorbilder der 1960 und 70er Jahre nehmen und eben nicht auf die tatsächlichen Anfangsjahre zu Beginn des 20. Jahrhunderts mag vor allem zwei Gründen zu schulden sein, erstens verläuft die Motorradgeschichte in einem technischen Sinne zwar linear, in sozialer Hinsicht ist die Geschichte jedoch durch einen Bruch gekennzeichnet, da ausgehend von Californien das Motorrad als Verkehrsmittel des kleinen Mannes durch das Freizeitprodukt und Ausdrucksmittel Motorrad vornehmlich der Jugend ersetzt worden ist. Die Zeit des Motorradfahren-Müssens geht zu Ende und es beginnt die zweite Geschichte des Motorrads, die Zeit des Motorradfahren-Wollens. Und zweitens markiert diese Zeit des sozialen Umbruchs in der Motorradfahrerschaft auch das Ende der Pionierzeit der Motorradgeschichte, was seltsamerweise gar nicht einmal zufällig geschieht, weil zunehmender Wohlstand, technischer Fortschritt als auch die Vorteile der Massenfertigung das Konkurrenzprodukt Auto zwar erschwinglich, das Motorrad aber gleichzeitig zuverlässiger, bedienerfreundlicher sowie standhafter werden liess. Die damaligen Motorräder waren so gut wie ausentwickelt, enthielten eigentlich bereits alle technischen Merkmale, wie wir sie heute noch an den modernen Motorrädern finden und stiessen auch bezüglich des Volumens der Motoren in heute noch gebräuchliche Dimensionen vor. Darüber hinaus definierten einige Hersteller genau in dieser Zeit nach und nach ihre Eigen- und Besonderheiten: Der „L-Twin“ von Ducati, der quer in den Rahmen eingebaute V2 von Moto Guzzi, der vielleicht beste Boxermotor aller Zeiten, das Zweiventiler Strich-7 Triebwerk von BMW, ein Motorkonzept, welches 1980 eigentlich einen leisen Tod sterben sollte, aber nach Protesten von Kunden und Händlern wiederbelebt werden musste und so dafür sorgte, dass der Boxer mittlerweile ganz tief im Markenkern von BMW verankert ist, und natürlich die Vierzylindermotoren, die neben MV Augusta vor allem zu einem Kennzeichen der japanischen Hersteller wurden etc.. Bedingt durch den anfänglich starken Konkurrenzdruck in der Umbruchphase, der durch den Markteintritt der japanischen Motorradindustrie noch immens verschärft wurde, waren die Hersteller gezwungen, sich mit den unterschiedlichsten Konzepten zu positionieren und schufen so ein vielfältiges Angebot, das komplettiert durch die Konzepte der britischen und amerikanischen Traditionalisten, auch heute noch in den Grundmerkmalen fast genau so angeboten wird. Nebenbei wurden mit den technischen Pionierleistungen und den markenspezifischen Positionierungen auch die verschiedenen „Motorradgattungen“ entwickelt und die heutigen Superbikes, Enduros, Reisetourer, Cruiser fanden unter anderem in den zu Big Bikes, Scramblern ausdifferenzierten und bei Bedarf auch mit Verkleidung zu versehenen damaligen Strassenmaschinen ihre historischen Vorbilder. Die 1960er und 70er Jahre markieren mit dieser einzigartigen Fülle an Entwicklungen und Weichenstellungen somit die prägende Zeit der Motorradgeschichte, die Zeit, in der im verklärenden Rückblick alles gut war, nicht die eigentliche Gründungszeit, gewiss, aber dennoch das Heroische Zeitalter der Motorräder, da Maschinen wie die Ducati 750 SS, die Honda CB 750 Four, die BMW R 90 S, die Moto Guzzi Le Mans, die Kawasaki Z1, die Norton Commando, die Yamaha XT 500 und die Laverda 750 SF, um nur einige wenige zu nennen, aus den Werkshallen gerollt wurden, die allesamt zu Ikonen des Motorradbaus wurden, „Archetypen“, die noch ganz bei sich waren, unverfälscht und roh, und deren „Urformen“ immer noch, wenn auch verborgen unter viel Plastik, Elektronik und Vorschriften bei ihren modernen Nachfolgern hindurch schimmern, denen man im Laufe der kommenden Jahrzehnte aber eigentlich nichts Wesentliches mehr hinzufügen konnte, ganz im Gegenteil, denen man immer mehr Wesentliches nehmen sollte, auch wenn sie schneller, leistungsstärker, bequemer und so vermeintlich perfekter wurden.

V. Die Behauptung der Differenz

Wenn es also stimmt, dass die Retro-Motorräder, die heute, in der Neuzeit, produziert werden, die Zitate der 1960er und 70er Jahre an sich tragen, eben weil sie einen Bezug oder eine Tradition aufnehmen sollen zu den historischen Vorbildern dieser Zeit, die im kollektiven Gedächtnis der Motorradfahrerschaft als „Archetypen“ des modernen Motorrads verankert sind, die für ein puristisches und unverfälschtes Fahrerlebnis standen, welches sich ein Teil der Motorradfahrerschaft, zunehmend gelangweilt und entfremdet durch die glatten und perfekten Motorräder der Neuzeit, zurückwünscht, so ist das zunächst einmal ein Widerspruch, da die Retro-Motorräder natürlich neuzeitliche Motorräder bleiben und somit sämtlichen Vorschriften unterworfen sind, denen neuzeitliche Motorräder nun einmal unterworfen sind, selbst wenn sie Zitate aus einer Zeit tragen, indem es diese Vorschriften noch nicht gab oder anderes ausgedrückt, wenn die Retro-Motorräder das gleiche puristische und unverfälschte Fahrerlebnis wirklich anbieten könnten wie ihre historischen Vorbilder, so wären sie heute verboten. Und dieser Widerspruch bleibt bestehen und lässt sich auch nicht aufzulösen. Nein, auch nicht durch eine illegale Auspuffanlage. Denn anders wie in der Limonadenindustrie mit ihren Retro-Flaschenformen können die Motorradhersteller die alten Motorräder nicht einfach nachbauen, das mag zum einen fertigungstechnische Gründe haben, zum anderen aber ganz sicher den gesetzlichen Vorschriften zu schulden sein. Die Hersteller behelfen sich damit, dass sie den neuzeitlichen Motorrädern quasi Behauptungen einbauen, die Motorräder müssen durch ihre Formen, sowohl ganzheitlich als auch in den Details, behaupten, es handele sich bei ihnen um die gleichen puristischen und rohen Fahrmaschinen aus dem Heroischen Zeitalter, obwohl sie tatsächlich durch und durch neuzeitliche Maschinen sind. Und diese Behauptungen können natürlich variiert werden, wobei die Motorradhersteller neben der klassischen Grundform und der möglichst vollkommenen Abwesenheit von Plastik auf ein paar grundsätzliche Details eigentlich nicht verzichten können, wollen sie ein Retro-Motorrad bauen, das Bezug auf das „Heroische Zeitalter“ des Motorrades nimmt, nämlich: Ein luft/ölgekühlter Motor, der möglichst frei in den Rahmen eingebaut ist, und der nach Möglichkeit klassisch anmutet, wie beispielsweise der Motor der Triumph Bonneville, der bis auf die Attrappen der Vergaser äusserlich eine Kopie seines klassischen Vorfahren ist. Dann noch Stereofederbeine hinten, eine klassische Teleskop-Gabel vorne und natürlich eine Zweiarmschwinge. Das ist die „Vierheiligkeit“ eines Retromotorrades, ganz einfach deshalb, weil alle Motorräder des Heroischen Zeitalters in dieser technischen „Grundkonstellation“ gebaut worden sind, wobei alle anderen möglichen Details wie ein grosser, runder Scheinwerfer oder Drahtspeichenräder etc. eigentlich eher optional sind, sie können ein Retro-Motorrad zieren, müssen das aber nicht. Und schaut man sich nun den Reigen der Motorräder an, die da unter „Retro“, „Heritage“ oder „Classic“ firmieren, dann erfüllen nicht alle diese Motorräder alle Bedingungen der Vierheiligkeit, manche verwenden eine moderne „Upside Down-Gabel“ oder hinten nur ein Federbein oder eine versteckte Federung, um einen Starrahmen vorzutäuschen zu können usw., dennoch verwenden eigentlich alle als Retro-, Heritage- oder Classic-Motorrad vermarktete Maschinen neben anderem Make-up-Chichi zumindest ein oder mehrere Elemente der „Vierheiligkeit“ oder täuschen diese zumindest optisch vor, in dem Sinne, dass diese Elemente extra und ausschliesslich zum Zwecke der Behauptung eines Retro-Bezuges designet und gefertigt wurden. Und dann gibt es ein einziges Motorrad, welches heftig als „Heritage“ beworben worden ist, bei Markteinführung 2014 aber eigentlich keine einzige Bedingung der „Vierheiligkeit“ erfüllte, noch über anderweitiges ernsthaftes Retro-Make-up verfügte, und das war die frühe BMW R NineT.

Die BMW verfügte zwar über einen luftgekühlten Motor, jedoch ohne jede klassische Anmutung, da er ebenso wie das Getriebe nahezu unverändert von einem anderen modernen Motorrad der Marke übernommen wurde. Wiederum ebenso aus dem bestehenden Baukastensystem der Firma stammte die moderne Einarmschwinge mitsamt zentralem Federbein sowie die schicke „Upside Down“-Gabel, die der BMW S 1000 RR, einem modernen Superbike, entlehnt wurde. Damit war die BMW R NineT 2014 nicht nur technisch, sondern auch nach den massgeblichen stilistischen Details der Vierheiligkeit ein durch und durch modernes Motorrad, da helfen dann auch Drahtspeichenräder oder ein Kraftstofftank, der so aussieht, als könne er sich nicht entscheiden, ob er der moderne Tank einer BMW R 1200 R oder doch lieber ein klassischer Toastertank sein wolle, und der so aussehen musste, wie er aussah, nicht weil er irgendwie „Heritage“ sein sollte, sondern da er eben in die Peripherie der anderen modernen Bauteile passend eingesetzt werden musste, nicht wirklich weiter, da das Motorrad fast komplett aus dem modernen Baukastensystem zusammengestöpselt worden ist, dessen äusserlich sichtbaren Teile nie wie beispielsweise bei der Triumph Bonneville unter Retro-Gesichtspunkten entwickelt worden sind. Und das muss gar nicht schlecht sein, im Gegenteil handelte es sich auch bei der frühen R NineT sicher um ein ganz famoses Motorrad, eben weil es nicht nur aus modern anmutenden, sondern auch bewährten, zeitgemässen Komponenten zusammengebaut worden ist, nur ein „echtes“ Retro-Motorrad war sie ganz sicher nicht, da nichts an diesem Motorrad eine Tradition oder einen Bezug zu dem Heroischen Zeitalter behauptete. Das Einzige, was behauptete und behauptet, das sei alles irgendwie „Heritage“, war die blosse Behauptung selbst, die Behauptung einer Differenz, die aber gar keine ist, da sich nichts an diesem Motorrad finden lässt, das diese Behauptung einer Differenz auch nur im Ansatz verifizieren könnte. Dieses Motorrad nahm somit eine fast aberwitzige Position zwischen den ganzen Retro-Motorrädern ein, da alle seine Retro-Konkurrenzprodukte in den wesentlichen Merkmalen aus neuen Teilen aufgebaut sind und waren, die in ihrer Form ein Gestern behaupten sollen, während die frühe BMW R NineT aus bewährten, nicht extra neu entwickelten Teilen aufgebaut worden ist, die ihrer Form nach immer nur ein Heute behaupten konnten, von dem BMW aber 2014 standfest behauptete, es sei „Heritage“, also ein (neu designtes) Gestern.

In München begründete man diese exzessive Inanspruchnahme des schon bestehenden Baukastens für die Entwicklung eines neuen „alten“ Motorrads damit, dass man von Anfang an die Kosten im Auge behalten wollte, um das Motorrad auch zu einem erschwinglichen Preis anbieten zu können. Das liest sich jetzt echt nett, wahrscheinlicher als diese nur vorgeschobene Begründung ist aber wohl, dass BMW tatsächlich die Entwicklungskosten überschaubar halten musste, aber nicht „nur“, weil man dieses Motorrad preisgünstig anbieten wollte, was es mit dem damaligen Basispreis von 14.700 Euro auch nicht wirklich war, sondern weil man den möglichen Schaden minimieren wollte, im Falle, dass die R NineT floppte. Denn bereits 1997 hatte BMW mit der R 1200 C einen ersten schüchternen Schritt in die Retrowelt getan, jedoch verkaufte sich der chromblinkende Boxer-Cruiser so schleppend, dass man die Produktion 2004 wieder einstellte. Auch hatte man in München wohl die Erfahrungen der Konkurrenz aus Bologna genau studiert, die ab 2005 ein echtes Retro-Motorrad, die Ducati SportClassic, in verschiedenen Ausführungen anboten, dessen Produktion aber wegen ausbleibenden Erfolgs bereits 2010 wieder einstellen mussten. Zudem war die R NineT für BMW nicht einfach nur ein weiteres Modell im Portfolio, sondern auch ein Aufbruch nach unbekannten Gefilden, traditionell eher in dem Milieu des BMW-System-Klammotten tragenden, Klapphelm-bewehrten GS-Herrenreiters verhaftet, wollte BMW zukünftig auch in der bisher fremden Welt der Bellstaff-Jacken und Jethelme reüssieren. Man hatte sich in München vor Markteintritt eines seltsamen Motorrades, das eigentlich irgendwie „Heritage“ sein sollte, aus Kostengründen aber nur „Today“ war, also einiger Risiken zu vergegenwärtigen. Sicher, man konnte sich der ekstatischen Jubelstürme der Motorradjournaille wie immer gewiss sein. Aber um mit so einer fast schon dreisten Nummer durchzukommen, brauchte es schon noch ein Weiteres: Es brauchte so jemanden wie die Weber im Märchen „Des Kaisers neue Kleider“, die den Kaiser als auch allen anderen glauben machten, dass sie ihm, dem Kaiser, ganz besonders „hippe“ Kleider weben würden, die von niemanden gesehen und richtig gewürdigt werden könnten, „der zu einfältig sei oder für sein Amt nicht tauge.“ Mit anderen Worten: BMW brauchte die Weihen der Hipster, welche die Trüffel „sehend“ machen sollten, dass dieses moderne und eigentlich stinknormale Naked Bike R NineT irgendwie doch Retro oder Heritage oder sonstwie oberlässig sei. Und damit das auch klappte, ersann man in München zur Markteinführung der R NineT eine Marketingkampagne namens „Soulfuel“, dessen eigentlicher Kern darin bestand, einige der Leithammel der „New Custrom Motorcycle Szene“, also jene hippen und oberlässigen Motorrad-„Kastemeiser“, die in den Jahren zuvor durch ihre Umbauten alter Motorräder für Furore in der Motorrad-Welt gesorgt hatten, einzukaufen und als Zugpferde vor den R NineT-Marketingkarren zu spannen. Und die, vielleicht auch gebauchpinselt durch den Umstand, dass ein Konzern wie BMW sie überhaupt zur Kenntnis nahm, liessen sich bereitwillig auf dieses Spiel ein, drehten ein „Soulfuel“-Imagefilmchen und dessen „Making of“ für und mit BMW, lobten das „Sexy Beast“ R NineT über den grünen Klee, verbreiteten ansonsten den üblichen Motorrad-Freiheits-Kokolores, bekamen von BMW jeweils ein Exemplar des „Sexy Beasts“ ausgehändigt, um es höchstselbst zu „kastemeisen“, und liessen sich sodann einige hippe Motorrad-Festivals von BMW finanzieren, wo sie zusammen mit ihrem neuen Buddy, dem BMW Motorrad Chef-Designer Ola Stenegard, nebst ihrer eigenen Wichtigkeit natürlich auch die BMW R NineT publikumswirksam hochleben liessen. BMW und Stenegard betrieben diese Kampagne so perfekt und so weit, dass man nicht nur fast den Eindruck gewinnen konnte, der Konzern stünde gewissermassen an der Spitze der hippen „New Custom Bewegung“, sondern seine Schöpfung, das moderne und total stinknormale Naked Bike R NineT, sei eigentlich auch deren absolute Krönung und ultimativer Schlusspunkt. Was ja dann auch so war, denn ab 2015 ging es mit der New Kastemeising Bewegung langsam aber beharrlich bergab, die Umsätze, die wohl auch nicht unbedingt für alle Werkstätten so üppig gewesen waren, erodierten vollends, wenige Jahre später machten die ersten Werkstätten zu, nur wenige überlebten wirtschaftlich und noch sehr viel weniger kommen tatsächlich mit Customizing oder mit dem Verkauf von Customteilen, Accessoires, Mode und Merchandising so einigermassen über die Runden. Böse Zungen könnten nun behaupten, dieser Niedergang hätte seine Ursache in dem Judaskuss mit der Industrie, durch den einige der exponiertesten Vertreter der Szene eigentlich alles verraten hätten, wofür sie einst vorgaben zu stehen, wodurch dann die Industrie hätte übernehmen können, welche der New Custom Szene in der Folge dann die möglichen Kunden abspenstig machte, indem nicht nur die R NineT ein grosser Erfolg wurde, sondern auch die anderen Hersteller ein Retromodell nach dem anderen auf dem Markt und damit an die Trüffel brachten. Dieser möglicher Erklärungsversuch verkennt aber, dass die Trüffel, wie bereits weiter oben ausgeführt, nur in den wenigsten Fällen tatsächlich ein altes umgebautes Motorrad gekauft hätten, denn weder verfügen sie über die verzehrende und alles verzeihende Leidenschaft des Enthusiasten, noch haben sie einen blassen Schimmer von den Gegebenheiten des Hipster-Kosmos, was sie auch gar nicht müssen. Die Trüffel wollen eben nur ein bisschen Brumm-Brumm und dabei am Biker-Treff eine gute Figur machen, ohne sich dabei ölige Finger zu holen. Und wie man am Biker-Treff eine gute Figur macht, genau das meinten sie von den Hipster gelernt zu haben. Betrachtet man nun die Markeinführungen der beschrieben Retro-Motorräder, der BMW R 1200 C, der Ducati SportClassic, die beide mehr oder weniger floppten, und der BMW R NineT, die ein grosser Erfolg wurde, so lassen sich folgende Ursachen für die unterschiedlichen Erfolge vermuten: Die BMW R 1200 C, mit welcher die Münchner sich 1997 sein gehöriges Stück vom damals stark wachsenden Cruiser-Markt abschneiden wollten, war eine Design-Katastrophe, was aber nicht besonders schlimm sein muss, denn auch Design-Katastrophen lassen sich mitunter gut verkaufen, wenn die zugehörige Legende stimmig ist. Aber genau daran haperte es seinerzeit, da die R 1200 C ein Retro-Motorrad war, für das es in der ureigenen BMW-Motorrad-Geschichte keinerlei historische Referenz gab, weil BMW niemals Motorräder gebaut hatte, die aussahen wie eine Boxer-Harley Davidson. Die R 1200 C hing somit retro-historisch gesehen in der Luft, sie referierte irgendwie auf Harley-Davidson und war zudem für einen Cruiser „übertechnisiert“, was nicht so recht zueinander passen wollte. Die Kunden hatten also die Wahl für nicht wenig Geld eine als Harley-Davidson verkleidete BMW GS zu kaufen, die in ihrem seltsamen Retro-Anspruch aber keinerlei Bezug zur Firmenhistorie aufwies, oder lieber doch das amerikanische Original. Viele entschieden sich für Letzteres.

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BMW R 1200 C. Design-Katastrophe ohne echten „Retro-Bezug“ in der BMW-Firmengeschichte. Da half dann auch ein prominenter Werbeauftritt in dem James Bond Film „Der Morgen stirbt nie“ nicht wirklich weiter

Anders in Bologna, dort erschufen die Designer liebevoll gestaltete Hommagen an die 750er Ducati-Ikonen der 1970er Jahre. Die verschiedenen Versionen der Ducati SportClassic waren ehrlich und eigenständig designte Retro-Motorräder, zudem mehr als ausreichend stark motorisiert und gingen 2005 mit viel Lob der Fachpresse an den Verkaufsstart, um bereits 2010 wieder vom Markt genommen zu werden, da die Verkaufszahlen hinter den Erwartungen blieben. Heute verkauft Ducati mit grossem Erfolg die Scrambler, ebenfalls ein ehrlich und eigenständig designtes Retro-Motorrad, welches 2015 im Fahrwasser der BMW R NineT in den Markt eingeführt worden war, während die „alten“ SportClassic-Modelle mittlerweile durchaus gesucht sind und mitunter saftige Gebrauchtpreise erzielen.

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Ducati SportClassic 1000S. Liebevoll gestalte Hommage an die Ducati-Ikonen der 1970er Jahre. Produziert von 2007 bis 2009. Damals hinter den Erwartungen, heute durchaus gesucht

Innerhalb von wenigen Jahren hatte sich also Grundlegendes geändert, was den Schluss nahelegt, dass Ducati mit der SportClassic zwischen 2005 und 2010 der Zeit „voraus“ war, oder anders formuliert, dass Ducati die Produktion der SportClassic eigentlich zu früh eingestellt hatte, da irgendwann nach 2010 die Zeit für dieses Motorrad „reif“ gewesen wäre. Was aber macht oder machte die Zeit „reif“? Ungefähr so ab 2010 blubberte das bis dato untergründige Hipster-Dings „New Custom“ oder der Café-Racer-Wahn langsam an die Oberfläche und kam dann immer mehr ins Rollen, bis es von der Industrie nicht mehr nicht nur ignoriert werden konnte, sondern vielmehr begierig aufgegriffen worden ist, um die daraus resultierenden Marktchancen zu nutzen. Es waren die Hipster, welche die Zeit „reif“ machten, um, wenn auch unfreiwillig, die Herde der Trüffel in die Gatter der Industrie zu treiben, wo sie – wie immer – überaus freundlich empfangen worden ist.

Der Erfolg der R NineT ist so geradezu exemplarisch für die Macht der Hipster, da BMW sich noch nicht einmal die Mühe machen musste, die Behauptung, dieses stinknormale Naked Bike sei „Retro“ oder „Heritage“, an der Erscheinung dieses Motorrades „ablesbar“ zu machen. Nichts an der Aufmachung der initialen R NineT von 2014 war irgendwie und tatsächlich „different“ zu anderen modernen Naked Bikes, in dem Sinne, dass dieses seltsame Dings „Retro“ oder „Heritage“ sei. Es war allein die Behauptung selbst, die das behauptete, und die nur funktionieren konnte, da die Hipster diese „leere“ Behauptung BMWs mit ihrer eigenen „Differenz“ füllten und der R NineT damit „Authentizität“ verliehen. Eine gekaufte Authentizität – sicher – aber eine Authentizität, die für die Trüffel funktionierte und die ihnen glauben machte, mit der R NineT mindestens ebenso so „hip“, weil „anders“ (different), Motorrad fahren zu können wie die Hipster auf ihren alten Maschinen, ohne deren Beschwernisse in Kauf nehmen zu müssen. Hatte man sich seinerzeit in München und später in Bologna noch die Mühe gemacht, eigenständige Modelle mit deutlichem Retrobezug auf die Beine zu stellen, die letztlich erfolglos blieben, verzichtete BMW bei der R NineT auf diese „überflüssigen“ Kosten und setzte man in München fast ausschliesslich auf die Weihen der Hipster, die das Kind schon schaukeln würden. Eine genialer Marketingcoup, der aber nur funktionieren konnte, da die Hipster die Zeit inzwischen „reif“ gemacht hatten, und der so erfolgreich war, dass es vielleicht auch dem einen oder anderen Verantwortlichen bei BMW mulmig wurde, weshalb man in den letzten Jahren einige neue R NineT-Varianten auf den Markt warf, die deutlich mehr Retro-Bezug aufweisen.

Foto: DenisDenis via Wikimedia Commons
BMW R NineT. Der BMW neue Kleider

Das Gewese um die Hipster offenbart damit zweierlei, zum einen deren Macht, derer sie sich eigentlich nicht richtig bewusst sind, die aber dennoch gewaltig sein kann und dies nicht nur in wirtschaftlicher, sondern auch in sozialer und politischer Hinsicht, und zum anderen die Virtuosität, die Dritte inzwischen entwickelt haben, um die Macht der Hipster für ihre ureigenen Interessen zu nutzen, was deren Macht dann noch einmal für kurze Zeit potenziert, bevor sie vollumfänglich kollabieren wird, da das Abernten der Trüffel durch Dritte immer auch und zwangsläufig den Tod der „Hipster-Exklusivität“ nach sich ziehen muss. Das ist beinahe ein Naturgesetz, das geht gar nicht anders.

Foto: Imago/¬argumx xThomasxEinberger
Ola Stenegard, 2003 – 2018 BMW Motorrad Chefdesigner, inzwischen zu Indian Motorcycles weiter gewandert. Hipsterkompatibel und ein Meister im „Hipster-Abkochen“. Hier beim „heroischen“ Erzeugen eines pittoresken Funkenregens mittels Flex und einem nicht identifizierbaren Metallteil. Offenbar war gerade kein Motorrad-Heckrahmen zum Malträtieren greifbar

Gerade angesichts dieser Macht der Hipster ist es dann umso wunderlicher, dass man über das Wesen der Hipster eigentlich relativ wenig weiss, vielleicht, weil es die Hipster ja eigentlich gar nicht gibt, weil ja niemand offiziell Hipster geschumpfen (geschimpft) werden will, vielleicht auch, weil der Hipster so unfassbar wandlungsfähig ist, dass er einem in bestimmten Epochen als elitärer Hedonist begegnen kann, um nur wenige Jahre später als moralinsaurer Asket aufzuschlagen – mal selbstironisch, mal verspielt und manchmal leider auch fanatisch – wandelt er zunächst auf schmalen und versponnenen Pfaden, die gleichsam über Nacht zu achtspurigen Autobahnen anwachsen können, auf denen sich dann riesige Herden von Trüffeln in die nächsten Gatter dritter Nutzniesser wälzen, während der Hipster in aller Stille und fernab der Autobahnen bereits schon wieder den nächsten schmalen Pfaden folgt. Die Hipster sind. Und werden immer sein, auch wenn man sie nicht immer gleich erkennt. Sie sind das, was man eine unbewusste gesellschaftliche Avantgarde nennen könnte, die sich im Mainstream-Ekel als Antipode von den Trüffeln abgrenzen muss und deshalb in dem Moment abzusterben beginnt, da ihre „Hipster-Exklusivität“ anfängt, in den Mainstream durchzuschlagen, wodurch ihr eigentlicher Wesenskern, die behauptete Differenz, zwangsläufig ausgelöscht wird.

Eine Macht, die selbst immer ohnmächtig bleibt, aber genau deshalb umso gefährlicher werden kann.

„König der Hipster“ wird fortgesetzt…

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