König der Hipster – Teil 1

Posted by on Feb 1, 2022 in Allgemein | No Comments

König der Hipster

oder

Die Behauptung der Differenz

Ein Essay von Oliver Zajac

Foto: Allen Ginsberg LLC/Getty Images

I. Vans. Atlantic. Noir

Also bezahlten wir, nahmen die Motorradhelme auf und erhoben uns aus den Stühlen auf der Veranda eines kleinen – ja was eigentlich – südwestfranzösischen Bistros oder Weinlokals oderwasauchimmer, machten uns auf den Weg runter in die südwestfranzösische Kleinstadt, vorbei an dem Tisch der drei jungen tätowierten Spanier, deren zugegebenermassen ziemlich lässigen Harleys an einer südwestfranzösischen Strasse neben einem südwestfranzösischem Oderwasauchimmer parkten, und die sich munter durch die Tapaskarte bestellten, weil man in dem Oderwasauchimmer Tapas bestellen musste, um an einem südwestfranzösischem Nachmittag auch Alkohol serviert zu bekommen, dessen öbergärige Form sich einer der Spanier gerade in seinen mit sinnlosen Tattoosprüchen drapierten rasierten Schädel goss, gingen vorbei an dem „Deus ex Machina“-Laden auf der anderen Strassenseite, in dem ich mir nur ein paar Stunden zuvor für eine Hundertstelsekunde lang überlegt hatte, ein T-Shirt mit dem gezeichneten Bild einer nackten Frau auf einem Motorrad und dem sinnlosen Spruch „Put Something Exciting Between Your Legs!“ darauf zu kaufen, sahen mal wieder den Bosshoss-Fahrer mit Kreuznacher Nummer die Strasse hoch kommen, gefolgt von den immer gleichen Fremdschäm-Harleys und einer jungen Frau in einer hautengen schwarzen Lederkombi, die wohl von irgendjemand verpflichtet worden war, zu Promotionszwecken immer und immer wieder auf einem – ja was eigentlich – zigarrenförmigen Designermoped die gleichen Strassen durch eben diese südwestfranzösische Kleinstadt zu fahren, überlegte kurz, ob ich ihr das T-Shirt mit „Put Something..!“ kaufen sollte, einen Gedanken, den ich aber gleich wieder verwarf, beobachtete die mit ziemlich viel Geld authentisch nachlässig gekleideten Pariser Mecs in der Brasserie unten am kleinen Platz und betrat schliesslich zusammen mit Claude den kleinen Schuhladen, wo wir dankbar den kühlen Hauch einer Klimaanlage an einem ziemlich heissen südwestfranzösischen Nachmittag vernahmen, und ich unverzüglich mit hitzedurchweichtem Hirn vorbei an einer mittelalten südwestfranzösischen Schuhverkäuferin mit Pagenschnitt, von der ich hoffte, sie möge noch möglichst lange auf ihrem Stuhl sitzen bleiben, ohne anzufangen, mich eilfertig zu nerven, die Sneakerregale ansteuerte, obwohl ich eigentlich gar keine Sneaker kaufen wollte, sondern nur möglichst regenfeste Schuhe, da es morgen regnen sollte, ich meine festen Stiefel aber zuhause vergessen hatte und Motorradfahren mit Chucks im Regen nicht wirklich oder nur sehr kurz Spass macht, als sich der mittelalte Pagenschnitt sichtlich gelangweilt dann doch aus ihrem Stuhl erhob und uns fragte, ob wir zwei denn auch beim Wheels & Waves seien, nur um aufgrund unseres selbsterklärenden Aufzugs sich dann selbst und stumm die Antwort zu geben und müde seufzend zu sagen:

„Vans. Adlonntique. Noir.“

Und ich weiss gar nicht mehr, wer von uns beiden vor ein paar Jahren auf die Idee kam, unserer jährlichen Juniausfahrt kreuz und quer durch Europa ausgerechnet Biarritz als Ziel zu geben. Wahrscheinlich war das sogar ich, der neugierig geworden durch diverse Berichte über das „Woodstock der Motorradfahrer und Surfer“ beschlossen hatte, dem Wheels & Waves mal einen Besuch abzustatten, und hierzu über Monate versuchte, Claude irgendwie fast 3000 Autobahnkilometer schmackhaft zu machen, die der eigentlich hasst wie die Pest. Irgendwann aber überzeugte ihn eine kluge Etappenwahl, als auch die Aussicht auf einige Pyrenäenpässe, und wir schlugen im Juni 2015 zur vierten Ausgabe des Festivals in Biarritz auf. Das Wheels & Waves war oder ist im Wesentlichen eine Ansammlung von Zelten oder Hütten, die am Rande des Bade- und Kurortes mit immer noch, wenn auch langsam verblassendem mondänem Glanz, malerisch auf einem Ausstellungsgelände, der sogenannten „Cité de l’Océan“, direkt an der Atlantikküste gelegen ist. Der Strand ist tatsächlich gleich um die Ecke und bei gutem Wetter und entsprechendem Wellengang lassen sich auch immer ein paar Surfer dort finden. Genau die richtige Location also für ein hippes Event, um nach dem Willen der Veranstalter, einer Gruppe von ziemlich hippen Freunden aus Toulouse, die sich selbst Southsiders MC nennen – wobei das MC diesmal nicht nur Motorcycle Club abkürzen, sondern vielmehr auch „Musique“, „Mode“ und „Culture“ mitinbegreifen soll – den Geist der Freiheit zu feiern, den ja irgendwie beide Disziplinen, das Motorradfahren als auch das Surfen, atmen, und diesen Spirit mit möglichst vielen Gleichgesinnten zu teilen. So man jedenfalls dem offiziellen Marketing-BlaBla glauben will, denn eigentlich ging und geht es bei dem Wheels & Waves natürlich niemals um irgendeinen Spirit und schon gar nicht darum, diesen zu teilen. Es ging vielmehr darum, einem Haufen südfranzösischer Hipster und deren internationaler Entourage eine nette mehrtägige Party zu finanzieren, wenn sie sich dazu hergaben, den Produkten der partyfinanzierenden Industrie, und hier vor allem der BMW R nineT, die Weihen der Hipster zu verpassen. Als BMW ihr Retromodell seinerzeit an den Start rollte, um wie andere Hersteller auch an der Vintage-New-Custom-Retro-Welle zu profitieren, die von einigen motorradfahrenden Hipstern und deren Fan-Gemeinde in den Medien befeuert wurde, tat man dies in München oder Spandau zuerst eher zögerlich, vielleicht auch, weil man mit derartigen „Heritage-Motorrädern“ und deren möglicher Kundschaft über keinerlei Erfahrung verfügte. Also beauftragte man einen hipster-tauglichen Designer damit, mit überschaubarem Kosteneinsatz ein Retro-Motorrad auf die Räder zu stellen. Das Ergebnis war die erste BMW R NineT, ein grösstenteils mit Teilen aus dem bereits vorhandenen BMW-Baukasten zusammengestöpseltes Moped mit ein bisschen notdürftiger Retro-Kosmetik, das man der möglichen Kundschaft als mindestens so cool oder hip verkaufen wollte, wie es die Mopeten der motorradfahrenden Hipster zugegebenermassen waren. Das Problem war nur, kein Hipster, der nur ein bisschen Selbstachtung besitzt, würde so ein Dings auch nur mit der Kneifzange anfassen. Ein Problem aber, das sich mit der entsprechenden Menge an Moneten aus der Welt schaffen liess. Also wurden ein paar nette Werbefilmchen mit bekannten Motorrad-Parade-Hipstern abgedreht, BMW trat als Hauptsponsor bei einigen Hipster-Events auf, in den neu aufgelegten Motorrad-Hipster-Magazinen wurden grosszügig Anzeigen gebucht, der Southsiders MC mit Konsorten hatte beim Wheels & Waves eine schöne Zeit und die Sache war geritzt: Die R NineT wurde für BMW ein grosser Erfolg, so gross, dass man mittlerweile in München oder Spandau gottseidank dazu übergegangen ist, das Styling der R NineT mit mehr Kosteneinsatz weiterzuentwickeln, sodass die Fuhre, wenn auch immer noch für keinen echten Hipster akzeptabel, inzwischen und immerhin schnittiger unterwegs ist. Die Rolle der Hipster bei der erfolgreichen Markteinführung der BMW R NineT ist lediglich ein Beispiel dafür, welchen mittlerweile grossen Einfluss oder auch grosse Macht eine Personengruppe besitzen kann, die es offiziell gar nicht gibt. Denn fragt man Menschen, die ganz offensichtlich alle Attribute eines Hipsters mitbringen, ob sie denn auch Hipster seien, so erhält man für gewöhnlich eine erstaunte Verneinung: „ICH und ein Hipster? NEIN! Igitt! Natürlich nicht!“ Auch gibt es keinerlei Institutionen, Vereinigungen oder Parteien, welche die Interessen dieser nur sehr schwer fassbaren Personengruppe vertreten. Dennoch verfügt das soziale Phänomen „Hipster“ gerade in der heutigen Zeit der global gespannten sozialen Netzwerke und der rasanten Kommunikation via Internet über eine soziale Macht, die denjenigen, die sich darauf verstehen, sich der Hipster zu bedienen, nicht nur den Absatz ihrer Produkte oder Weltanschauungen erleichtert, sondern auch die Durchsetzung ihrer politischen Ziele ermöglicht, was mitunter selbst den Weg in verschiedene Bundesministerien ebnen kann. Allerdings ist das Spiel mit des Hipsters Macht aufgrund seines flatterhaften Wesens immer auch mit gewissen Risiken behaftet, da diese Zeit-Geister sich auch plötzlich und unerwartet gegen ihre Zauberlehrlinge kehren können. Das richtige Timing ist deshalb im Umgang mit dem Hipster ganz entscheidend, denn was in seinem Kosmos gestern der „heisseste Scheiss“ war, kann heute bereits langweilig sein und wird vielleicht morgen schon beim Discounter verramscht. Timing ist alles. Und wenn es nur bedeutet, dass ein südwestfranzösischer Schuhladen ganz dringend im Vorfeld eines Hipster-Events in der Nachbarschaft genug Sneaker einer bestimmten Marke, eines bestimmten Modells in einer bestimmten Farbe auf Vorrat hätte ordern sollen, die dann ganz und gar nicht zufällig, sondern gegen Bezahlung, versteht sich, von den Event-Hipstern und deren Staff zur Schau getragen worden sind.

Vor ein paar Jahren habe ich mal in einer Motorradpostille ein Interview gelesen, indem der Schreiberling einen hippen Motorradklamottenverkäufer fragte, ob er denn nicht den Eindruck habe, dass die alten Motorräder derzeit „hipsterisiert“ würden. Und natürlich war die Frage allein schon Schwachsinn, denn ein Motorrad kann nicht hipsterisiert werden, ein altes Motorrad ist ein altes Motorrad und bleibt ein altes Motorrad und mehr nicht. Es kann höchstens accessoirisert, zu einem Accessoire gemacht werden von Leuten, die wiederum von anderen Leuten als Hipster tituliert werden, eben weil sie sich mit einer ganzen Menge an Accessoires umgeben, die unter anderem den Zweck haben, einen Unterschied zu machen zu eben den Accessoires oder Gegenständen mit denen sich Leute umgeben, die von den Leuten, die von diesen Leuten als Hipster tituliert werden, als langweiliger Mainstream empfunden werden. Aber das ist eigentlich auch schon wieder Schwachsinn, denn spätestens in den 1960er Jahren, ausgehend von den USA, wurde das Motorrad zwangsläufig auch zu einem Accessoire, da es seiner eigentlichen Hauptfunktion, der Mobilisierung  der Massen enthoben wurde, weil sich in den westlichen Gesellschaften mit steigendem Wohlstand immer breitere Bevölkerungsschichten ein Auto leisten konnten. Das Motorrad wurde so etwas Zusätzliches – und wenn auch für viele die schönste Sache der Welt – zu etwas Nebensächlichem, welches sich hauptsächlich in der Freizeit abspielte. Man fuhr Motorrad nicht, weil man sich als Fortbewegungsmittel „nur“ ein Motorrad und kein Auto leisten konnte, sondern man fuhr Motorrad aus Spass, Vergnügen, aber auch um sich auszudrücken, eine bestimmte rebellische Lebenseinstellung zu zeigen, die sich von den Werten der herrschenden Mainstreamgesellschaft abgrenzte. Anfang der 1970er definiert Eric Turner (Nicht zu verwechseln mit einem gewissen Edward Turner), Präsident der BSA Inc., das war mal der Welt grösster Motorradhersteller, die neue Rolle des Motorrads hellsichtig wie folgt:

„In den wohlhabenderen Ländern ist das Motorrad heute in erster Linie ein spassiges, sportliches und groovy Freizeitprodukt, aber auch ein Symbol der Virilität und Männlichkeit. Seit sich die Vereinigten Staaten zusammen mit Canada des höchsten Lebensstandards erfreuen, ist Nordamerika bei weitem unser grösster Absatzmarkt. Aber das verfügbare Einkommen in anderen Teilen der Welt steigt ebenfalls rapide an. Unsere Marktforschung geht deshalb davon aus, dass unser Wachstum in diesen Ländern noch schneller sein könnte als unser Wachstum in Nordamerika.“

Ein prognostiziertes Wachstum, das dann auch tatsächlich eintreten sollte, an dem sich aber allerdings in der Hauptsache die japanische Motorradindustrie erfreuen durfte, da sich die englische Motorradindustrie, und mit am schnellsten Turners eigener Laden, auch durch haarsträubende Managementfehler entschieden und nachhaltig in den Abgrund wirtschaftete. Als sich das Motorrad vom notwendigen Fortbewegungsmittel zum angesagten Lifestyle-Produkt entwickelte, setzte auch die Evolution des Motorrades eigentlich erst richtig ein, denn davon befreit ein blosses Vehikel für die Fahrt von A nach B zu sein, wurde es immer mehr Spiegel einer sich verändernden und diversifizierenden Gesellschaft, die auch das Motorrad benutzte, um verschiedene Bedürfnisse, Lebensauffassungen und Lifestyles auszudrücken. Und eben deshalb schnappte mit der Entwicklung des Motorrades zu Choppern, Scramblern, Komfortourern, Sporttourern, Superbikes, Naked Bikes, Factory Costumizing, Enduros, Supermotos usw. auch die übliche Kommunikationsfalle einer diversifizierten Konsumgesellschaft zu, der niemand entkommt, da sie einen jeden Fahrer zwang, sich damit auseinanderzusetzen, was er mit der Wahl seines Motorrades als Freizeitaccessoire ausdrücken wollte, denn man „musste“ ja nicht mehr Motorrad fahren, man wollte vielmehr Motorradfahren und jedem Wollen liegt nunmal eine Intention, eine Motivation und damit ein von Dritten nicht nur an der Gestalt des Motorrades ablesbarer Ausdruck zugrunde. Der Ausdruck durch das Accessoire „Motorrad“ war somit eigentlich von Anfang, seit seiner Entfesselung gegeben, auch wenn es nur dazu dienen sollte, sich von einem als langweilig empfundenen Mainstream abzusetzen, so wie es den Hipstern heute unterstellt wird, zu tun. Es ist vor diesem Hintergrund einerlei, ob Hipster Motorräder accessoirisieren, denn im Grunde accessoirisiert jeder Motorradfahrer sein Motorrad, auch jene, die sich gelegentlich zu den Lordsiegelbewahrern der reinen Motorradkultur aufschwingen, was auch immer das sein soll, und die verächtlich auf jene herabschauen, die nicht die Motorräder fahren oder nicht so fahren, wie es ihrem beschränkten Selbstbild entspricht. Es ist deshalb eigentlich oder grösstenteils Konsens in der Motorradfahrerschaft, dass man dem Motorrad eines anderen Fahrers mit Respekt begegnet. Das mag der eine oder andere bedauerlich finden, auch aus durchaus verständlichen Gründen, da zum Beispiel die Yamaha Virago in Deutschland immer noch eine der meistgefahrenen Motorradtypen ist, was sicherlich auch daran liegt, dass aus obergenannten Gründen es noch niemand fertig gebracht hat, ihren Besitzern zu sagen, wie scheisse die Dinger eigentlich sind. Aber so ist es nunmal. Darüber hinaus, weil abgeleitet aus Konsens 1, sollte es eigentlich auch Konsens innerhalb der Motorradfahrerschaft sein, dass niemand einen anderen Motorradfahrer oder dessen Leidenschaft benutzt, um sein eigenes Ding durchzuziehen. Und eben deshalb darf und kann es auch nicht sein, dass sich jemand, der Konsens 2 verletzt, hinter Konsens 1 versteckt. Und um das jetzt zu erklären, ist es doch notwendig noch einmal einen etwas genaueren Blick auf das angesprochene Hipstergedöns zu werfen.

Das soziale Konstrukt, welches sich hinter der Bezeichnung „Hipster“ verbirgt, ist nicht singulär denkbar. Das ist ja nur logisch, denn sonst wäre es ja auch kein soziales Konstrukt, also ein Etwas, das sich erst innerhalb von sozialen Beziehungen definiert. Und der Hipster definiert sich nunmal innerhalb der Beziehungen seiner Personengruppe, der Hipsterpersonengruppe, zu zwei anderen Personengruppen, die es so eigentlich gar nicht gibt, wiewohl die Grenzen zwischen allen drei Personengruppen nicht trennscharf, sondern fliessend sind, die aber hier auch zum besseren Verständnis sozusagen idealtypisch, um nicht zu sagen holzschnittartig behandelt werden sollen. Der idealtypische Vertreter der ersten der zwei anderen Personengruppen ist der sogenannte „Enthusiast“, das ist ein Mensch, der nicht selten mit grosser Leidenschaft irgendetwas macht, herstellt oder ergründet, was eigentlich über Jahre und Jahrzehnte hinweg niemanden nicht nur nicht interessiert hat, sondern auch noch weit unterhalb der Wahrnehmungsgrenze der allermeisten seiner Zeitgenossen lag. Wenn der „Enthusiast“ in dieser seiner Zeit des entgegengebrachten allgemeinen Desinteresses, was ihn übrigens in der Regel herzlich wenig juckt, überhaupt wahrgenommen wird, dann nur als einer, der vielleicht irgendwie liebenswert oder schrullig ist, aber doch aufgrund seiner absonderlichen Obsession einen Dachschaden haben oder sonstwie plemplem sein muss. Dennoch braucht der Hipster den Enthusiasten, den man in seinen anderen Ausformungen auch „Nerd“ oder „Connaisseur“ nennen kann, dringend, und das aus den immer gleichen Gründen, er braucht ihn zum einen aufgrund seiner Ideen oder Kreativität, über die der durchschnittliche Hipster in der Regel eher nicht oder nicht im ausreichenden Masse verfügt, was eigentlich auch gar nicht schlimm ist, denn der gemeine Hipster hat ganz andere Aufgaben und Qualitäten, zu denen wir später noch kommen werden, und er braucht ihn zum anderen aufgrund der von ihm verkörperten Authentizität, denn dem Hipster ist ausserordentlich wichtig, dass etwas „authentisch“ oder irgendwie „echt“ ist, deshalb auch das ganze Vintage-Gedöns. Und um jetzt mal ein bisschen Fleisch an den dürren Knochen zu bringen, ist es an der Zeit einen idealtypischen Vertreter des Idealtypus „Enthusiast“ näher vorzustellen.

Ein idealtypischer Vertreter des Idealtypus „Enthusiast“ ist der kalifornische Tätowierer Don Ed Hardy, der zu einer Zeit als Tätowieren lediglich für Randgruppen am unteren Ende der gesellschaftlichen Skala wie Knackis, Matrosen oder Rocker interessant war, nicht nur davon träumte, sondern auch über Jahrzehnte beharrlich daran arbeitete, das Handwerk des Tätowierens als Kunstform zu etablieren, wozu er auch ausgedehnte Studien in Japan unternahm.

Foto: Manfred Kohrs via Wikimedia Commons
Don Ed Hardy bei der Arbeit. Und zwar im Jahre 1980, als man, was so die Hygiene beim Tätowieren angeht, noch etwas entspannter war...

Aufgrund seiner Beharrlichkeit und natürlich auch, weil er in Californien wohnte, denn Wohnorte wie Castrop-Rauxel oder Wladiwostok sind für derartige Karrieren nicht unbedingt förderlich, was jetzt weniger an Castrop-Rauxel oder Wladiwostok liegt, sondern mehr an der Vernageltet einiger Zeitgenossen, erfreute er sich langsam auch ausserhalb der Tattoo-Szene einiger Bekanntheit, die für eine andere Type interessant wurde, der beileibe kein Enthusiast war und auch kein durchschnittlicher Hipster, sondern eher so eine Art Oberhipster oder vielleicht ein Hipster-Hipster oder vielleicht auch nur das, wie ihn Don Ed Hardy höchstpersönlich charakterisierte, nämlich der „Nullpunkt von allem, was derzeit mit der Zivilisation schiefläuft“, was den guten Don aber nicht daran hinderte, mit eben diesem Christian Audigier eine Geschäftsverbindung einzugehen, die ihn zu einem sehr vermögenden Mann machen sollte. Denn Christian Audigier, gebürtiger Franzose, wenn auch nicht Südwest-Franzose, sondern eher so ne Art Südsüd-Franzose, wohnte inzwischen auch in Californien und nicht mehr in Avignion, weil nämlich Wohnorte wie Avignion für derartige Karrieren – genau – verdingte sich bei verschiedenen Mode-Labels, wurde bei einem Chef-Designer, hielt seine Nase in den Wind und befand vollkommen richtig, dass es mal wieder an der Zeit wäre, die modischen Symbole und Stilelemente der Unterschichtsemblematik, also der weissen Unterschicht der USA, auch „White Trash“ genannt, hervorzukramen, die von Zeit zu Zeit immer mal wieder hervorgekramt werden, wenn in der Modewelt eine Glam-Periode zu Ende geht, wie dieses Justin-Bieber-Dings, da sich trendige Männer zunehmend, naja – androgyn – kleideten und sich mit Gel, Schaum und/oder heisser Luft die halblangen Haare ins Gesicht schmierten, bis man den Scheiss nicht mehr sehen konnte, und deshalb mal wieder – joah – der kernige Typ gefragt war. Und Audigier setzte noch einen drauf, er begnügte sich nicht mit den üblichen Signalen und Symbolen, also den schweren Stiefeln, den karierten Hemden, den verratzten Sneaker, den Feinripp-Unterhemden, den prolligen Jeans, den nachlässigen T-Shirts, den Trucker-Caps, denn spätestens als er ein T-Shirt mit dem Druck einer Zeichnung Don Ed Hardys gesehen hatte, muss er wohl begriffen haben, dass nicht ohne Zutun Hardys die Tattoo-Kunst im Begriff war, sich immer mehr in der Alltagskultur zu etablieren. Es also nur noch eine Frage der Zeit sein würde, bis nach den ersten schüchternen Versuchen mit dem sogenannten Tribalmotiven, also dem Arschgeweih und ähnlichen Schnörkeln Ende der 1980er, die bei Bedarf noch durch Kleidung verdeckt werden konnten, Tätowierungen sich auch auf breiter Front und Haut durchsetzen würden. Und dass er das wusste, hat mit dem Exklusivdings zu tun, mit dem Audigier durch seine Zeit bei unterschiedlichen Modelabels gut vertraut war, diesem verheerenden Etwas, diesem Mahlstrom, der wenn er erstmal in eine von vielen möglichen Welten tritt und dann auch noch zündet, diese Welt zuverlässig und für immer verschlucken wird. Anfang der Nuller Jahre jedoch bestand bezüglich grossflächiger Tattoos auf der einen Seite, dem Vorbild angesagter Rock- und Rapstars folgend, ein Interesse gewisser trendaffiner Menschen, das aber andererseits bei vielen noch von einer grundlegenden Scheu überlagert wurde, sich diese Bildchen auch für alle Ewigkeit grossflächig in die Haut ritzen zu lassen. Und eben in diesen Zwiespalt stiess Audigier, indem er durch die Erfindung des „Tattoo-prêt-á-porter“ das Subkultursymbol Tattoo firlefanzisierte, es seiner ewigen Schwere beraubte und es so in den Symbolraum der „White Trash“-Mode, in dem ja sonst immer nur der gleiche Kram in unterschiedlichen Varianten tanzt, schmerzfrei integrieren konnte. Die Ideen und vor allem die wichtige Authentizität lieferte ihm der Enthusiast Hardy, er kümmerte sich ums Marketing, und auch hier kamen ihm seine Erfahrungen in der Modebranche zugute, denn Audigier wusste, dass beim Menschen leider fast nichts so zuverlässig gut funktioniert wie der Herdentrieb, wollte er also die Herde kriegen, musste er an deren Leittiere ran und genau hier – wodennsonst? – kommt jetzt – naklar! – der Hipster ins Spiel.

Foto: Imago/Tinkeres
Christian Audigier. 2008 auf einer Party nach irgendeiner Mode-Messe. Auch ziemlich entspannt…

Denn wenn man das soziale Konstrukt „Hipster“ einmal von seinem ganzen Klimbim entkleidet, dann ist der Hipster im Kern eigentlich nichts anderes als ein sozialer Trüffelhund, und Audigier wollte natürlich die vielen Trüffel, die paar Hipster waren ihm nur Mittel zum Zweck oder das Vehikel, das ihn zu den Trüffeln führen sollte. Die Trüffel sind neben den Hipstern und den Enthusiasten deshalb die dritte und wichtigste Personengruppe, in deren gegenseitigem Beziehungsgeflecht sich das soziale Konstrukt „Hipster“ definiert. Trüffel ist in diesem Zusammenhang natürlich nicht – nein! – despektierlich gemeint, denn die Trüffel sind wir alle, der Typ, der diese Zeilen hier schrieb und ein jeder, der diese Zeilen liest, alle sind wir irgendwann und irgendwo Trüffel, weil wir uns einreden oder durch irgendwas oder irgendwen beeindrucken lassen, wir bräuchten irgendetwas, wir müssten irgendetwas kaufen, was wir eigentlich gar nicht brauchen, und was natürlich trotzdem vollkommen und komplett in Ordnung ist, weil das eben das Spiel ist, das wir (fast) alle spielen, dem (fast) keiner entkommt und über das wir (fast) alle eigentlich auch Bescheid wissen. Kann man die Beziehungen zwischen dem Enthusiasten und dem Hipster noch relativ einfach beschreiben, sind die Beziehungen zwischen den Hipstern und den Trüffeln schon sehr komplexer, um nicht zu schreiben: Tragischer Natur. Und dass das so ist, liegt nunmal in der Hauptsache und in allererster Linie an dem weltenverschluckenden, allvernichtenden, unaussprechlichen Exklusivdings.

II. Das weltenverschluckende, allvernichtende, unaussprechliche Exklusivdings (Waueds)

Als das ganze Motorradgedöns, so wie wir es heute kennen, Ende der 1960er Jahre und zwar hauptsächlich von Californien ausgehend, denn Mandello, Spandau, Meriden und selbst Milwaukee sind nunmal nicht die geeigneten Orte, um derlei Karrieren zu starten, seinen Anfang nahm, gab es ein bestimmtes technisches Detail an den Motorrädern dieser Jahre, das in den Folgejahren auffallend schnell und fast vollständig von dieser Welt verschwinden sollte, und das war der Kickstarter. Und das ist nicht nur auf den ersten Blick verwunderlich, war und ist doch der Kicker ein ziemlich magisches Teil, denn schon der Prozess des Ankickens als solches, der nur wenige Sekunden in Anspruch nahm, verriet bereits in dieser kurzen Zeitspanne, ob der Fahrer sein Material, das Motorrad, im Griff hatte oder nicht, ob er wusste, wie sein Motor „tickt“, ob es ausreichte vor dem Kicken lediglich den Choke zu betätigen oder ob es aufgrund geringer Aussentemperatur notwendig sein würde, den Motor zuvor ein-, zweimal ohne Zündung zu kicken, damit die Kolben schon mal ein wenig Gemisch ansaugen konnten, ob er wusste, wie er den Totpunkt der Kolben findet, die vor dem Kicken vielleicht ein klein wenig über den Totpunkt hinaus gedreht werden mussten, dass er verstand, den ganzen Weg des Kickpedals zu treten, denn je länger der Weg, je mehr Funken an den Kerzen, und desto grösser, die Chance, dass – Bäng! – das Gemisch zündete, und dass er verstanden hatte, den ganzen Weg des Pedals kraftvoll und zügig, aber nicht brachial oder gewalttätig zu treten, sondern wie in einem Fluss, wobei nach dem Prozess des Ankickens der Fuss am Ende des Weges kurz auf dem Kicker verweilen musste, um die Gefahr des Rückschlags zu minimieren, was letztendlich auch darüber Auskunft gab, ob die Zündung sauber eingestellt war. Der Kickstarter verlangte einen kurzen Moment der Andacht, der das Ritual des Startens eines Motorrads durchdeklinierte, das Betätigen der Zündung, die Prüfung des Leerlaufs, das Ziehen des Chokes, das Ausklappen des kleinen Fusshebels, das Suchen des Totpunkts, die Konfiguration des eigenen Körpers – Standbein, Trittbein, Hände am Lenker, Vorbereitung der Körper- und Motorradbalance auf die folgende Trittbewegung – Einatmen und dann los!, bevor im Erfolgsfall die biokinetische Energie des menschlichen Organismus‘ in die mechanische Energie eines Verbrennungsmotors überging. Der Kickstarter markierte so nicht nur die energetische Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine, sondern war, da er mit Bedacht getreten werden musste, auch eine Klippe des Verständnisses, ein Moment der Prüfung über die intimen Details des zu startenden Motors. Und vielleicht war er auch gerade deshalb vielen ein Ärgernis und lag in diesem Ärgernis oder Unvermögen der Grund seines Verschwindens, als man nicht mehr Motorrad fahren musste, sondern Motorradfahren wollte, und die Hersteller ihre jetzt zum Lifestyle-Produkt gewordenen Erzeugnisse flugs mit einem Anlasser ausstatteten, um die Wollenden mit einem Komfort zu locken, den sie den Müssenden grösstenteils immer verweigert hatten. Am längsten hielten die englischen Hersteller am Kickstarter fest, „Kickstart only“ war in den späten 1960er und frühen 70er Jahren beinahe ein Alleinstellungsmerkmal der letzten verblieben Vertreter der ehemals glorreichen britischen Motorradindustrie, was insbesondere auch auf das Unverständnis der Motorradpresse stiess. Ernst Leverkus, prägender deutscher Motorradjournalist der 1950er, 60er und 70er Jahre, beschreibt diesbezüglich das Gespräch mit dem Cheftechniker eines englischen Herstellers, wahrscheinlich Triumph, das Mitte der 1960er Jahre stattgefunden haben soll:

„Wir sagten, ob es nicht langsam Zeit wäre, diesen grossen Maschinen Elektrostarter zu geben, um das Anlassen des starken Motors zu erleichtern. Schon im Hinblick auf den Komfortanspruch der amerikanischen Kunden und der japanischen Konkurrenz. „Nein, Sir“, war die Antwort. „Wir bauen Motorräder für Männer, die brauchen keinen teuren Elektrostarter“ (…) „Sir“, war die Antwort, und unser Gesprächspartner runzelte die Stirn, „wenn es keine harten Männer mehr für die Kickstarter gibt, dann gibt es auch unsere Maschinen nicht mehr.““

Nun sei dahingestellt, ob es tatsächlich die Sorge um die „harten Männer“ war, die die Engländer veranlasste, an ihrem Prinzip des „Kickstart only“ festzuhalten, bis es irgendwann zu spät war oder ob sie schon damals, wie es in der Anekdote Leverkus’ anklingt, einfach die damit verbundenen Kosten scheuten, die britische Motorradindustrie ging unter und mit ihr verschwanden nicht nur die Kickstarter an hubraumstarken Mehrzylindermaschinen, sondern auch ein ganz essentielles Stück Motorradkultur, das einen körperlichen Einsatz erforderte, welcher überflüssig wurde und in seinem Überfluss zudem ein Wissen vergass, das sich seitdem in einem kleinen popeligen Startknopf entfremdet.

Und so, wie man ein Motorrad ankickt, das ja letztendlich nichts anderes ist als ein Accessoire, so muss man auch erstmal eine ganze Maschinerie oder einen Marketing-Motor ankicken, um eben diese Accessoires auch zu verkaufen. Audigier hatte, nachdem Don Ed Hardy für 300.000 Dollar und einem prozentualen Anteil am Weltmarktumsatz einen Lizenzvertrag unterschrieben hatte, einen prima Motor am Start, eine Idee hart am Zeitgeist, die wie ein Motorkolben gut geölt im Zylinder sass und nur darauf wartete, mit immer schnellerem Tempo die Zylinderbahn hoch und runter zu flitzen, und damit einen Sog zu entfachen, der immer mehr Gemisch oder Trüffel und damit Geld in die Brennkammer saugen sollte. Das Problem war nur: Wie kommt so ein Motor in Gang? Audigier hatte einen Enthusiasten eingekauft, hatte T-Shirts mit Retro-Tattoo-Motiven bedruckt, hatte einen Laden angemietet und Mitarbeiter eingestellt – über ausreichend Mittel, um eine umfassende Marketingkampagne mit sämtlichem Pi-Pa-Po zu finanzieren, was eine ziemlich teure Angelegenheit sein kann, verfügte er jedoch nicht. Audigier vertraute darauf, dass dasselbe geschehen wird, was ihm schon in seiner Zeit als Chef-Designer von „Von Dutch“ zum Erfolg verholfen hatte, nämlich dass irgendjemand mit ausreichend „richtiger“ Strahlkraft seine Klamotten kaufen und trage möge, was dann dafür sorgen würde, dass sein Marketing erstens fast für umsonst und zweitens viral geht, weil nämlich von Menschen mit ausreichend „richtiger“ Stahlkraft seltsamerweise eine zutiefst toxische Ansteckungskraft ausgeht, gegen die die letzte Ebola-Epidemie ein trauriger Kindergeburtstag war. Und im Prinzip ist diese Idee ja nicht neu, da wahrscheinlich schon zu allen Zeiten prominente Menschen dafür eingekauft wurden, für irgendeinen Kram zu werben, neu war an dieser Idee, Menschen mit ausreichend „richtiger“ Stahlkraft nicht nur nicht dafür zu bezahlen, damit sie für Klamotten werben, die sie privat nie tragen würden, sondern ihr Bedürfnis, sich vom Mainstream abzusetzen und irgendwie „hip“ zu sein, zu benutzen, indem dieses Bedürfnis durch ein Produkt befriedigt würde und die öffentliche Bedürfnisbefriedigung in den Medien dann die erwünschte Werbewirkung für eben dieses Produkt entfalten sollte. Audigier hatte den Köder seit 2004 im Wasser, im Verlauf des Jahres 2005 bemerkte er gestiegenes Interesse, da er beobachteten konnte, wie der Schwimmer immer mal wieder und immer öfter unter die Wasseroberfläche gezupft wurde, bis er im Frühjahr 2006 von einer Sekunde auf die andere von der Oberfläche verschwand und sich so ein besonders dicker Fisch ankündigte, dessen graziler Fuss den Hebel des Kickstarters seiner Marketingmaschine ausklappte, den Leerlauf prüfte, den richtigen Kolbenstand fand, um den Motor gekonnt und routiniert mit nur einem Tritt zum Leben zu erwecken. Audigier beschreibt diesen Moment des grossen Fisches in seinen Memoiren folgendermassen:

„An dem Tag, an dem ich in einem Klatschmagazin ein Foto von Madonna entdeckte, auf dem sie ein Tiger-T-Shirt und eine Mütze mit dem Teufel und dem Dreizack trug, war mir klar, dass wir mit dem Wind segelten.“

Audigier war ganz aus dem Häuschen und räumte sogleich eine Wand in seinem Laden frei, da er offensichtlich Grund hatte, anzunehmen, dass diesem ersten Madonnenbild noch weitere folgen würden, die er alle gewillt war, an eben jene Wand zu pinnen. Und der Memoiren-erinnernde Audigier lässt seinen Ghostwriter den Audigier in den Memoiren vor Glück ganz berauscht an dieser Stelle seiner Erinnerungen ebenso rhetorisch wie scheinheilig fragen:

„Danke. Tausend Dank. Aber wieso trägst Du meine Klamotten?“

Eine nicht ganz unerhebliche Frage, die Madonna ein paar Seiten weiter in den Memoiren auch beantworten darf, wo der Ghostwriter sie auf Geheiss von Audigier sagen lässt, dass sie jeden Tag dutzende Pakete mit Kleidern der ganz grossen Marken erhalte, aber sie bewundere natürlich, ja, liebe nunmal seine Klamotten. Was er in diesem Zusammenhang ein wenig – nun ja – unter den Tisch fallen lässt, ist der nicht ganz unerhebliche Umstand, dass er Madonna zwar nicht bezahlt hat, damit sie seine Klamotten trägt, aber sehr wohl die Paparazzi der Klatschmagazine, die in seinem Auftrag nach angesagten Prominenten fahndeten, die seine Klamotten trugen, um sie am besten bereits beim Verlassen des Ladens in diesen Klamotten zu fotografieren und auch dafür Sorge zu tragen, dass diese Fotos in irgendwelchen Klatschmagazinen oder Fashion-Blogs publiziert würden. Und weil er diese Marketing-Nummer des „Celebrity-Wear“, die nunmal am besten im – genau – celebrityverseuchten Californien funktioniert, nicht zum ersten Mal, sondern auch schon ein paar Jahre zuvor für Von Dutch mit Britney Spears exakt baugleich durchzogen hatte, dürfte diese Masche Madonna, die ja beileibe keine Anfängerin im Celebrity-Business ist, wohlbekannt gewesen sein, weshalb es auch nicht so wahnsinnig weit hergeholt ist, dass sie sich nicht ganz unfreiwillig vor seinen Karren hat spannen lassen – und zwar sicherlich nicht, um noch mehr mediale Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, davon dürfte sie mehr als genug gehabt haben – aber vielleicht dennoch nicht aus uneitlen Motiven, denn die Eitelkeit wurzelt bei solchen Mega-Stars, die sich zudem als Überhipster begreifen, nunmal so absonderlich tief wie sich unsereins – vielleicht mal abgesehen von  Christian Audigier – das überhaupt nicht vorstellen kann, sodass die Gründe für ihre plötzliche und sehr intensive Ed-Hardy-Leidenschaft vielleicht genau und gerade in ihrem Verhältnis zu Britney Spears zu suchen sind, die anfangs der Nuller Jahre, da sie Audigiers dämliche Von Dutch-Truckerkappen quasi im Vorbeigehen unfreiwillig zum Kult promotete, als der kommende weibliche Superstar am Popfirmament galt, von dem nicht Wenige im Celebrity-Business erwarteten, dass sie, jung, schön, blond, unverbraucht und trällernd wie sie war, die alternde Königin des Pops endlich vom Thron schubsen würde, weshalb Madonna, die bei der Von Dutch-Trucker-Kappen-Geschichte zu spät in die Puschen kam und deshalb erst nach Spears über die Ziellinie ging, diesmal fest entschlossen war – ja, so banal kann Weltgeschichte manchmal sein – sich die Butter nicht vom Celebrity-Bread nehmen zu lassen und sich und der Welt zu beweisen, dass sie, Madonna, die Stilikone der 1980er Jahre, es in Sachen Stil und Hippness immer noch mit jedem und jeder auf diesem Planeten aufnehmen konnte und vor allem, und das war das Wichtigste, auch immer noch die Strahlkraft besass, um selbst so einen Käse wie Ed Hardy sozusagen im Alleingang zu DER angesagtesten Marke überhaupt zu machen. 

Also legte sie sich mächtig ins Zeug und die Paparazziknipsen brannten in den Folgemonaten ein Madonnenbildchen nach dem anderen auf die Sensorchips: Madonna im Ed Hardy-Top, Madonna im Ed Hardy-T-Shirt, Madonna im Ed Hardy-Jogginganzug, Madonna mit Ed Hardy-Mütze, Madonna im Ed Hardy-Sweatshirt. Audigier hatte die erste Wand bald voll und räumte die zweite frei: Madonna mit Ed Hardy-Totenkopf, Madonna mit Ed Hardy-Tiger, Madonna mit Ed Hardy-Totenkopf mit Rosen, Madonna mit Ed Hardy-Piratenkopf ohne Rosen, Madonna mit Ed Hardy-Totenkopf mit Herz. Audigier stellte verblüfft fest, dass der Star offensichtlich im Besitz seiner gesamten Kollektion war und räumte, nachdem die zweite Wand auch schon voll gepinnt war, die dritte frei: Madonna in Ed Hardy-Klamotten in London, in Los Angeles, beim Einsteigen ins Auto, beim Aussteigen aus dem Auto, in Paris, beim Shoppen, mit ihrer leiblichen Tochter in Ed Hardy-Klamotten, mit ihren Adoptivkindern in Ed Hardy-Klamotten, in Malawi, mit ihrem damaligen Ehemann mit Ed Hardy-Kappe. Don Ed Hardy bemerkt in seinen – genau – Memoiren, dass Audigier zwischenzeitlich über 70 Madonnenbildchen an seine drei Wände gepinnt hatte. Ja, und das nennt man wohl nicht ohne Grund das volle Programm, welches seine Wirkung auch nicht verfehlen sollte, da es tatsächlich für einige ihrer Zeitgenossen von toxischer Wichtigkeit war, was Madonna so den ganzen Tag über macht und was für Klamotten sie dabei trägt. Ed Hardy wurde ziemlich heisser Hipsterkram, immer mehr Stars oder Menschen, die sich dafür halten wie beispielsweise Heidi Klum, zogen nach, die Begehrlichkeiten nach Ed Hardy-Klamotten wuchsen mit jedem weiteren Paparazzifoto und wurden noch immens dadurch gesteigert, dass diese Klamotten anfangs nur sehr begrenzt verfügbar waren, da die Zahl der Verkaufsstellen mit der steigenden Begierde nach der Ware noch nicht mithalten konnten – JAMANMUSSSICHDASMALVORSTELLEN! – da gingen die Paparazzibildchen quasi in Echtzeit dank Internet um die Welt und dann gab es den Kram gerade mal in Californien zu kaufen und der Rest der Welt ging leer aus!! KANNDOCHNICHTWAHRSEIN!!! Und genau in diesem Moment, da Audigiers Marketing-Motor schön rund lief, die Ed Hardy-Kolben gut geölt die Zylinderbahnen hoch und runter flitzten und so immer mehr Stars ansaugten, welche dafür sorgten, dass die Kolben noch schneller die Zylinderbahnen hoch und runter flitzten und dadurch immer mehr Sternchen ansaugten, welche dafür sorgten, dass die Kolben noch schneller die Zylinderbahnen hoch und runter flitzten, um auch noch die „gewöhnlichen“ Hipster anzusaugen, die zunächst gar nicht alle bedient werden konnten, kam wohl das weltenverschluckende, allvernichtende, unaussprechliche Exklusivdings oder wie Kenner und Experten – und wenn, dann immer nur mit gedämpfter Stimme – es nennen: das „Wauds“ das erste Mal in dieser leidigen Angelegenheit ins Spiel. Und es stimmt schon, was den kleinen Kindern immer erzählt wird, dass es das Wauds eigentlich gar nicht gäbe und dass es deshalb auch gar nicht wahr sein könne, was man sich über es erzählt, dass es ein turmgrosses haariges Monster sei mit mindestens zwölf türkisgrünen Augen und einem garagengrossen Maul voller furchterregend spitzer Zähne, das in einer Höhle in einem unzugänglichen Gebirge wohnen würde, wo es bewacht von neun Schwarzalben und neun Lichtalben immerzu schläft und schläft und schläft, und nur geweckt werden könne von einem Menschen, der verrückt oder tapfer genug oder beides ist, sein Glück zu versuchen, ob es ihm denn gelänge, dem Wauds unbemerkt ein Haar auszurupfen und zwar ohne es zu wecken, auf dass es, das Haar, ihm Wohlstand und Reichtum bescheren möge, aber wenn er das Wauds durch das Ausrupfen eines seiner Haare wecke, die Rache des weltenverschluckenden, allvernichtenden, unaussprechlichen Exklusivdings vernichtend sein würde, da es überhaupt nur zwei Gemütszustände kenne, die gegensätzlicher gar nicht sein können, und diese seien der traumschwere Schlaf und die weltenverschluckende, allvernichtende, unaussprechliche Wut. Aber wir Erwachsenen wissen es natürlich besser, wir wissen, dass wir den kleinen Kindern wie immer nur Mist erzählen, denn wir wissen, dass es das Wauds sehr wohl gibt, dass es real ist, wenn auch schwer zu fassen, weil es natürlich nicht in einer albernen Höhle wohnt, sondern hinter den Stirnen der Menschen, wo es geboren wird im elektrischen Knistern einer Konfiguration von Nervenzellen, die uns glauben macht, eine Sache oder eine Ware habe einen Wert über sich selbst hinaus, die sich nicht in ihrer sachlichen Wertigkeit bemisst, sondern allein in dem Wissen einiger anderer Eingeweihter, die auch irgendwie zu wissen glauben, diese Sache oder Ware habe einen Wert über die sachliche Wertigkeit hinaus, und diese bestehe eigentlich und genau besehen darin, dass viele andere das eben nicht wissen oder NOCH nicht wissen, es aber irgendwie ahnen, dass die Hipster mal wieder irgendwas am Laufen haben, dass es mal wieder eine Grenze gibt, die aus trendaffinen Menschen oder solchen, die sich dafür halten wie Heidi Klum, Hipster oder Trüffel macht, je nachdem, auf welcher Seite dieser Grenze sie stehen. Und diese Grenze der Exklusivität oder genauer: Der Hipster-Exklusivität ist immer eine Grenze, die durch die Information geschrieben wird und eben nicht durch die Macht des Geldes. Jeder Mensch weiss, dass Rolls Royce, Ferrari, Rolex, Louis Vuitton oder 50-Meter-Yachten ziemlich exklusives, weil sehr teures Zeug sind, und eben gerade weil das so ist, sind sie in Hipster-Augen auch ziemlich prolliges Zeug, da diese Art der Exklusivität nicht verfeinert wird durch ein vermeintliches und irgendwie verschwurbelt undergroundsophisticatetes Wissen darum. Jeder Idiot kann sich so einen Kram kaufen, wenn er nur über genügend Kohle verfügt, weil das Wissen um diese Art der Exklusivität auch jedem Deppen verfügbar ist. Aber nicht jeder weiss (NOCH nicht!) um diese sehr spezielle Hipster-Exklusivität, die den Hipster – so ganz nebenbei – als jawaswohl? – Enthusiasten ausweist, nämlich als einen, der sich nen Kopf gemacht hat, der wusste, dass dieses prêt-á-porter-Zeugs einfach KOMMEN MUSSTE, weil sich der Don ja auch sonen Kopf gemacht hat, der hat studiert und war sogar in Japan, um bei sonem japanischen Tattoogrossmeister zu lernen und hat auch mit dem Horiyoshi n Buch rausgebracht, das‘ jetzt Kunst, weissde, Digger? Und dass das so ist, hat viel mit dem Grundirrtum der Hipster-Trüffel-Tragik zu tun, welche sich bei beiden in deren Selbstverständnis manifestiert. Während der Enthusiast sich nunmal in sein Leidenschaft verrannt hat und alte japanische Tattootechniken studiert oder fast ausgestorbene Weinreben wieder kultiviert oder alte, nicht mehr erhältliche Motorradersatzteile weltweit aufspürt, um sie neu nachfertigen zu lassen oder sonst irgendwas veranstaltet, was wirklich kein Mensch dieser weiten Welt braucht oder vermisst hat oder jemals vermissen würde, begreift sich der Enthusiast nicht als Experte, er begreift sich, wenn er denn überhaupt irgendwas begreift, vielmehr als einen, der das leidenschaftlich macht, was er machen muss, aus welchen Gründen auch immer. Zum Experten wird der Enthusiast erst in den Augen des Hipsters, wenn der Gegenstand der Leidenschaft des Enthusiasten für ihn aus Gründen der Hipster-Exklusivität interessant wird. Und natürlich begreift sich der Hipster auch nicht als Hipster – neeiIINnn – denn das würde ja bedeuten, dass er ein Leben vor seiner Existenz als Hipster gehabt hätte, dass er somit auf einen bereits bestehenden Trend aufgesprungen wäre, dass er womöglich davor – igitt – ein Trüffel gewesen ist, und genau deshalb ist der Hipster niemals Hipster, sondern schon immer ganz vorne mit dabei gewesen, kann der doch nix für, dass Vollbärte und karierte Flanellhemden, so wie er sie trägt, auf einmal Trend geworden sind, und spätestens, wenn er endlich ein Ed Hardy-Shirt auf Ebay USA ergattern konnte oder den Chateau Bio-Blabla nach zwölfstündigem Karaffieren genussvoll zu sich nimmt oder es endlich geschafft hat, den Vergaser an seinem alten Motorrad einigermassen richtig einzustellen, begreift sich der Hipster selbstredend als – nawaswohl? – Experten und zwar als den einzig wahren, versteht sich. Und das Erstaunliche ist, dass ihm die Trüffel das auch noch abnehmen, was jetzt auch wieder mit dem Grundirrtum der Hipster-Trüffel-Tragik zu tun hat, denn der Trüffel begreift sich einerseits ausdrücklich nicht als Trüffel, andererseits steht er aber ebenso wie der Hipster im Zwiespalt des Wollens und Müssens, denn gerade weil er nicht mehr Motorradfahren muss oder gerade, weil ihm niemand mehr vorschreibt, wie er sich anzuziehen oder welche Accessoires er zu kaufen hat, wird das Wollen zu einem Muss, denn die vermeintlich freie Wahl des Motorrades, des T-Shirts oder jedes anderen Accessoires legt die seiner Wahl zugrundeliegende Motivation bloss. Und selbst wenn er so originell sein sollte, nur Ausdrücken zu wollen, dass er sich gar nicht Ausdrücken will, entkommt er dieser Kommunikationsfalle einer modernen Konsumgesellschaft nicht: Er muss sich immer Ausdrücken, weil selbst das sich nicht Ausdrücken-Wollen, erst einmal ausgedrückt sein muss. Und weil diese Angelegenheit, die permanente Beantwortung der Frage, was man jetzt eigentlich Wollen muss, auf Dauer ziemlich anstrengend sein kann, sind nicht wenige Trüffel froh darüber, dass sich andere, nämlich die – genau – Hipster einen Kopf machen und die Frage des was man Wollen muss verbindlich, wenn auch nicht ganz freiwillig, auch für die Trüffel mitbeantworten. Und spätestens wenn der Trüffel in irgendeinem Kaufhaus irgendein T-Shirt mit irgendeinem tattooähnlichen Motiv ergattern konnte oder irgendeine Flasche Rioja ihm in der Kaufhausweinabteilung vom Kaufhausweinfachverkäufer für 39 fuffzich wärmstens an Herz gelegt worden ist oder er nur erwägt, sich im nächsten Frühjahr vielleicht irgendeines dieser modernen Retromotorräder zu kaufen, begreift sich der Trüffel selbstredend als – nawaswohl? – Hipster und zwar als den hippsten überhaupt, versteht sich. Tja, und dieser  Grundirrtum der Hipster-Trüffel-Tragik, die Verwechslung oder Verschiebung der Identitäten, gebiert nun einmal, wie könnte es anders sein, auch verwirrend tragische Folgen, von denen deren zwei hier bald näher betrachtet werden müssen, und das ist zum einen die Verflachung des Wissens über das Objekt der Hipster-Exklusivität, die einhergeht mit dem, was man auch als die Verkehrung des Objekts jenes Wissens bezeichnen könnte, und zum anderen die besondere wegen dem weltenverschluckenden, allvernichtenden, unaussprechlichen Exklusivdings – wasdennsonst? 

„König der Hipster“ wird fortgesetzt…

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